Wort zum Sonntag – Woche 46-2011: Mal schnell blasen
Das ist so bitter. Ich hab es nicht nötig mit Überschriften Leute dazu zu kriegen, Dinge zu lesen, die ich schreibe. Aber ich stehe dazu. Macht mir keinen Vorwurf – ich kann das auch so hindrehen, dass einfach EURE Vorstellungen zu verdorben sind!
Es geht natürlich nicht um Seifenblasen. Und auch um die andere Ferkelei nicht, die genau so wie die erste Flecken auf dem Teppich macht. Es geht um das sogenannte TRÜBSAL BLASEN.
Ich blase nicht oft Trübsal. Wenn dann aber richtig. (Was für eine idiotische Formulierung, mir fällt aber keine bessere ein.) Manchmal muss es aber sein. Immer dann, wenn ich mir einen Patzer geleistet habe. Wenn Etwas daneben geht, oder was schlecht ist, von dem ich monopolistisch meine, dass es gut ist. Und auch, wenn ich Fehler mache, obwohl ich mich gut vorbereitet habe. Ich hasse Fehler!
Dieses Trübsal blasen läuft bei mir in 4 Phasen ab.
1. breakDOWN
Wenn mir etwas nicht so aufgeht, wie ich es mir vorgestellt habe, und ich das erkannt habe, kommt der kleine, 3 jährige Junge in mir durch, der den Lego-Helikopter eben nicht bekommen hat. Ich möchte mich auf der Stelle auf den Boden werfen, plärren, heulen und herumschreien. Mache ich auch.
Solltet ihr mich in dieser Phase antreffen, lasst mich am besten in Ruhe und lauft. Schnell. Sonst treffen euch 120 km/h schnelle, eiskalte und beissende Misanthropie mitten ins Gesicht. RAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAARRRRRRRRRRRR! Die putzt sogar den letzten Feinstaub weg.
2. upHULKING
Phase 1 wird sofort von Phase 2 abgelöst. Die innere Wut kocht hoch. Wie es halt so ist, gebe ich ALLEN und JEDEM die Schuld für mein Scheitern, nur nicht mir selber. Der Wind war ungünstig. Der Professor wollte, dass ich keine gute Note schreibe. Die Kunstknüpfer in Guatemala haben Schuld, weil sie einfach existieren und knüpfen. Ich habe dann das Gefühl, als würde ich gleich grün werden, meine Hosen und Hemden zerplatzen, und ich bekomme furchtbar buschige Augenbrauen. Der Hulk beginnt sich zu verwandeln! Aber das ist nur in mir drin so, keine Sorge. Wäre auch schade, ich mag ja jedes Paar Hosen, das ich besitze. Aufgeplatzt kann man die ja nicht mehr tragen. In der Öffentlichkeit und so.
Aber in mir drin wütet jetzt der Vulkan, dessen Lava furchtbare Gräben in die Fluchlandschaft brennt. Ich beginne in Gedanken damit, alle zu beschimpfen. Und mein Unterbewusstsein ist ein Miststück, das alle Flüche und Beleidigungen mitschreibt, die es aufschnappt.
Wenn ich dann zum Beispiel einen Briefträger auf der Straße sehe, denke ich:
“Du bist bestimmt ein ganz schlechter Briefträger. Du bringst alle Briefe zu spät und kennst sicherlich nicht mal alle Motivmarken auswendig!”
Oder beim Pfarrer:
“Deine Predigten sind wahrscheinlich so schlecht, dass die Leute nur in den Gottesdienst gehen, weil sie sowieso gerade was in der Kirche zu erledigen haben!”
Ja, ich schäme mich dafür, aber Gedanken kann man nicht mit Seife auswaschen.
Hätte ich ein Fluchglas, müsste ich meine Mastercard reinlegen und hoffen, dass 10 andere Menschen das auch tun.
3. einSICHT
Irgendwann merke ich, dass ich so schreiend, weinend, fluchend und brüllend nicht am Boden liegen bleiben kann. Ich zahle Miete, und die möchte ich ausnützen und zuhause verbringen. Ich könnte in Hunde AA oder Menschenpipi liegen. Es ist kalt da. Staubig. Staub ist schlecht für Hosen und wie gesagt – ich mag meine Hosen. Also aufstehen. Zufällig stehe ich dann immer vor Geschäften mit Dingen auf, die ich gar nicht wirklich brauche – und mit dem Internet kann das ja überall sein!
Deswegen hab ich zum Beispiel auch meine “Frust-800-Euro-Digitalspiegelreflexultraschall-Kamera”.
Die beherrsche ich zwar technisch, aber inhaltlich überhaupt nicht. Alle Bilder sehen aus, als hätte Elfie, die malende Orang Utandame sie mit den Füßen gezeichnet.
Ich habe da auch mal ein Anatomiebuch über Neandertaler gekauft, dass sehr sehr teuer war. An und für sich kein Problem, Neandertaler sind cool. Ich weiß aber relativ wenig von Zellverbindungen, genetischer Chemie und Schädelnähten, daher tu ich mir damit auch immer noch schwer.
4. erKENNTNIS
Irgendwann beginne ich dann schleppend, zu begreifen. Meine Wunden sind geleckt – jetzt den Kragen hoch und wieder angreifen. Analysieren was war. Meistens merkt man dann schon, dass alles gar nicht so schlimm ist. Aber man versucht dennoch, sich Erkenntnis zu schaffen, was man besser machen kann. Ich bin schließlich kein Amerikaner. Ich weiß, dass ich nicht alles schaffen kann – und ich weiß auch, dass ich gar nicht immer alles schaffen muss. Leider denkt man ja daran nie. Und wenn dann doch erst zu spät.
Ist Phase 4 erstmal geschafft, heilen die Wunden recht schnell 2 – 4 Jahre, und ich habe mein Versagen wieder vergessen und kann so weitermachen, wie ich davor weitergemacht habe.
Das ist ja auch das Wichtigste, sagen alle. Das Weitermachen. Nur nicht still stehen. Eh nicht, sage ich. Nur mal kurz hinlegen.
Dann geht’s wieder – irgendjemand muss ja schließlich die Wissenschaft, die Gesellschaft, ja sogar die Welt retten. Wer, wenn nicht ich?


