Kolumne

Wort zum Sonntag – Woche 38-2010: Karriechance Bad Boy

Ab und zu ist eine Badewanne was schönes. Warmwasser rein, Männerbadekugeln einwerfen (riechen nach Holz oder Katy Perry), mit ner Zeitschrift oder einem Buch rein und die Prachtstellen schön einweichen lassen.

Neulich hat mich diese Idee wieder mal übermannt, aber als es bereits zu spät war – also als die Prachtstellen schon eingeweicht waren – habe ich bemerkt, dass ich mich in der Wahl des Lesestoffs vergriffen habe und so eine ekelhafte, feministische Frauenzeitschrift erwischt habe.
Eine von denen, die immerzu Tipps geben. Die Frauen aufhetzen und ketzerisches Gedankengut verbreiten.
Headstory: “Frauen lieben Bad Guys!”
Warum böse Jungs bei Mädels besser ankommen und Warmduscher einpacken können …
Mist. Was tun? Natürlich hätte ich aus der Wanne steigen können und mir was anderes holen, aber ich bin clever und habe davon gehört, dass die Zahl der schrecklichen Unfälle in Badezimmern ständig ansteigt, weil nasse Menschen auf nassem Boden ausrutschen und sich dann wirklich ernsthaft weh tun – oder gar das Genick brechen.
Das will ich nicht, es wäre schade um mich, also habe ich diesen Schund gelesen.

Und weil ich nach den 12 Sekunden, die man für so oberflächliches Gesülz braucht, noch Zeit zum Nachdenken hatte – die Prachtstellen wollten noch einweichen, das kann etwas dauern – habe ich es gedanklich durchgespielt und gemerkt:
So eine Karriere als Bad Boy könnte sich lohnen!
Bad Boys haben es überall leichter im Leben!
Die kriegen sogar bei diesem Möbelgeschäft mit der singenden Familie noch Rabatt, das ohnehin jede Wochen -10% hat.
Die brauchen es nur denken, schon liegt die nächstbeste Frau nackt vor ihnen auf den Boden, und schwört, dass sie nicht “mehr” will und auch noch Frühstück macht, Wiederholung aber nicht ausgeschlossen sei!
Ich bin mir zwar bei beiden Beispielen sicher, dass ich das gar nicht will, aber irgendwie will ich es schon auch können können.
Es geht ums Prinzip, um die dunkle Seit der Macht!

A. Spucke
Jeder wirklich kredibile Bad Boy spuckt häufig, das habe ich aus Filmen.
Clint Eastwood hat sich ständigem Auswurf hingegeben, bevor er so Dinge wie “Stirb, elendiger Schweinehund” gesagt hat.
Das Spucken war sein Stilmittel, es hat seine Forderung unterstrichen und ihr Nachdruck verliehen.
Ich müsste mehr Trinken, mein Speichel ist nicht so voluminös, aber um neu durchzustarten, würde ich das machen.

B. Goldkette
Bad Boys haben Goldkettchen! Denkt doch mal an Al Pacino als “Scarface”! Oder an die Rapper in diesen Musikvideos.
Es würde mir zwar vielleicht nicht stehen und ich bin etwas geizig, aber wenns der Karriere hilft?
Zu schwer dürfte es nicht sein – ich kriege schnell Verspannungen und meine Nackenrolle ist spurlos verschwunden.

C. Rufnamen
Häufig verwenden Bad Boys Spitznamen für Menschen, um ihre Geringschätzung auszudrücken.
Ich denke da an den ständig grantigen Typen mit den coolen Haaren bei Lost.
Oder an Doktor House.
Man würde an meinen Spitznamen, die ich vergebe, ablesen können, ob ich jemanden gut finde.
Wenn ich jemanden gut finde, nenne ich ihn “Sommersprose” oder “Niedliches Näschen”.
Wenn nicht, rufe ich ihn “Gebärfreudiges Becken” oder “Vakuumköpfchen”.

D. Song
Andere Menschen haben Songs im Kopf, wenn du den Raum betrittst. Deine persönlichen Titelmelodien und Erkennungshymnen.
Da ich Gedanken lesen kann, weiß ich, dass es bei mir derzeit “Los Toreadores” von Georges Bizet ist.
Das muss sich natürlich ändern, wenn ich ein Bad Boy bin – ich brauche dann wahlweise was aus der Dark Methal oder Hard Rock Schiene. Gangster-Rap ginge auch, vorausgesetzt im Intro kommen Pistolenschüsse vor.

Ja, schön langsam nimmt das Gestalt an. Ging doch ganz einfach bisher.

Abschließend müsste ich noch an meinen Handlungen und Sprüchen arbeiten. Die kann definitiv jeder böse Junge vorbeten.
Ihr wisst, was ich meine? Nicht?

1. Bad Boys gehen auf FKK Badeplätze des Krankenschwesternwohnheims BEKLEIDET, legen sich in die Mitte und genießen die Aussicht!
Wenn sie dann eine Krankenschwester fragt, was sie hier machen, sagen sie:
“Zu mir oder zu dir?”

2. Bad Boys klauen kleinen Kindern die Süßigkeiten, nur um sie heulen zu sehen. Desto hübscher und niedlicher die kleinen Kinder sind, desto lieber klauen sie die.

3. Wenn Bad Boys eine Autopanne haben, rufen sie nicht den ÖAMTC, sie brüllen das Auto so lange an, bis es vor Angst wieder fährt.

4. Bad Boys schneiden auf den “Blumen zum Selberpflücken” Blumen, ohne zu bezahlen. Das machen sie aber nicht, um sie nett der Dame des Herzens zu schenken, sondern um sie mit fingiertem Absenderschild vor die Tür des jungen Nachbarpärchens mit der tollen Wohnung zu legen. Ist die Wohnung dann erst frei, weil sich das Nachbarpärchen deswegen scheiden hat lassen, nehmen Bad Boys die große Wohnung und suchen sich neue Ziele.

Tja, das wäre alles cool. Ich müsste noch recherchieren, wo genau die Krankenschwesternschule ihren FKK Platz hat, aber ich hab da so Quellen, die wissen das bestimmt.
Apropos Quellen – die Prachtstellen haben genug geweicht, ich kann vorsichtig die Badewanne verlassen und mein Genick bleibt unbeschadet, so leicht passiert mir schon nichts.

Beim Abtrocknen der Prachtstellen denke ich nochmal drüber nach und weiß nicht, ob das Bad Boy sein wirklich so eine tolle Sache ist.

Ich müsste erwarten, dass ich manchmal auch Konter bekomme und ich bin sehr schlecht im Einstecken.
Wenn mir jemand einen passenden Konter gibt oder Witze über meine Laptoptasche mach, bin ich so verletzt, dass ich geistig schon weinend in Fötusstellung auf der Straße liege und mich nicht mehr beruhigen kann.
Das könnte nicht gerade förderlich sein, denn – egal ob man den Bad Boy aus “Los”t nimmt, Dr House, oder den Butler aus “Fresh Prince” – die sind nicht so weinerliche Babies wie ich.

Dann hab ich noch ein Problem – jeder Bad Boy hat einen Gegenpol.
Dr House hat Wilson und notfalls Cuddy.
Sawyer von Lost hat diesen langweiligen Doktor Jack als Gegenpol.
Und der Butler vom Fresh Prince hat die Mutter des Hauses.
Ich?
Pfuhh… müsste ich erst casten.
So als Bad Boy ist man ja auch nicht leicht zu ertragen und da kann man niemanden nehmen, den man jetzt schon mag, weil man immer damit rechnen müsste, ihn sofort zu vergraulen.

Und: Bad Boys tragen ihre Hosen immer ziemlich weit unten, so dass man ihre Unterhosen sieht.
Das mag ich auch nicht, das kratzt an meiner Privatsphäre und die Angst ist begründet, dass mittlerweile JEDER “10 Dinge die ich an dir hasse” gesehen hat und die Farbe meiner Boxershorts zu deuten weiß.

Nein Danke, ich bleibe dann doch lieber Teilzeit-Weichei und Aushilfs-Westentaschen-Möchtegern-Macho.
Aber – ich bin zumindest Teilzeit-Weichei mit sauberen, tadellossen Prachtstellen, wie ich vor dem Spiegel nicht ohne Stolz feststelle.
Das ist ja auch was.

Das war das Wort zum Sonntag Woche 38-2010 mit dem Titel “Karrierechance Bad Boy”. Mehr aus dieser Rubrik findest du hier!
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