Kolumne

Wort zum Sonntag – Woche 28-2011: Das ausgezeichnete Ich

52% aller Deutschen träumen regelmäßig davon, aus großen Höhen in Watte zu stürzen.
48% aller Australier träumen oft davon, dass Prinz Charles ihr Staatsoberhaupt wird.
Pfuh, nochmal Glück gehabt. Ich bin weder Deutscher noch Australier.
Deswegen habe ich auch nicht von Watte und Prinz Charles geträumt, was ich – ehrlich gesagt – beides gleich schlimm finde.
Wenn ich eine Skala für üble Trauminhalte festlegen müsste, würden Prinz Charles und Watte auf 7 liegen, wenn 10 ganz ganz übel ist.

Mein vorvorgestriger Traum hat mir dann aber doch auch zu denken gegeben. Und ich habe eine Lehre daraus gezogen.
Aber dazu gleich mehr. Zuerst mal Schritt für Schritt – was habe ich eigentlich geträumt?

Das ausgezeichnete Ich

Ich stehe hinter einer Bühne. Vorne läuft gerade das große Programm. Es sind viele Menschen da, ich sehe dutzende Fernsehkameras mit rotem Sendelicht, in den ersten Reihen sitzen viele Promis, und die sind aufgebrezelt und sehen prima aus. Es ist festlich und stilvoll dekoriert. An einem Rednerpult steht ein Laudator. Zweifelsohne ist es Zach Galifianakis. Sonst würde sich keiner trauen, eine weiße Leinenhose, ein braunes Sakko und drunter ein gelbes Shirt mit einem Golden Retriever drauf zu tragen. Galifianakis laudiert munter drauf los, und wie ich ihm so zuhöre, denke ich: Wow, muss ein prima Kerl sein, von dem er da spricht. Dann kombiniere ich … Ich stehe vor dem Bühneneingang. Ich trage ein Sakko und mein gutes Hemd, welches fleckenlos rein ist. Ich habe kleine Kärtchen vorbereitet, auf denen Text in Englisch steht. Ich bin nervös. Das merke ich am leichten Ziehen meiner Blase – kein “Blasenentzündungsziehen”, aber auch kein “Schnellpinkelnmüssenziehen”. Genau dazwischen. Oh Gott, es geht um mich! Noch bevor ich auf die Bühne gerufen werde, kontrolliere ich meine Schuhbänder – der peinlichste Bühnenvorfall, der passieren kann, sind nämlich Stolperer. Man kann Megan Fox oder Grace Kelly sein, wenn man auf der Bühne hinpurzelt, sieht das immer doof auf … doch es gibt Schlimmeres. Und das werde ich gleich merken.

Galifianakis gratuliert mir, umarmt mich, und weil Comedians lustig sind – besonders er – küsst er mich auf die Backe. Ein leicht bekleidetes Mädchen übergibt mir einen Preis, den ich gerade so mit einer Hand halten kann. Das Training mit meiner “Lou Ferrigno-Wortkout DVD” hat sich bezahlt gemacht! Wie vom Reflex geküsst stemme ich den Preis in die Höhe und richte mich Richtung Publikum. Alle jubeln mir zu und erwarten jetzt, dass ich etwas sage. Etwas, das Tragweite besitzt. Etwas episches! Das geht fast von alleine, ich bin prima vorbereitet – was ich bemerkenswert finde, weil ich vor nicht mal 2 Minuten gar nicht gewusst habe, wo ich bin.

Ich bedanke mich zuerst.
Ausführlich. Bei Gott, meiner Familie, meinen Freunden, Summer Glau und Arnold Schwarzenegger (den einzig nicht arbeitslosen Terminatoren) und bei Michelle Rodridguez für ihre Rolle in “Machete”.
(Kein Ahnung wieso, fragt mich nicht. Wenn Träume Sinn ergeben würden, wären es keine Träume … vielleicht wegen ihrer engen Hose? Die haben mich damals ziemlich mitgenommen. Kann ich ja ungeniert schreiben, sie wird das nie lesen, und wenn doch – es ist die Wahrheit! Die Hose war sehr eng.)

Neben Sara Bareilles im Publikum ist ein Platz frei, was bedeutet – sie ist meine Begleitung. Ich weiß jetzt nicht, ob sie mich oder ich sie ausführe, aber wenn ich sie ausführe, ist das eine ziemlich smarte Entscheidung von mir gewesen. Sie sieht gut aus, kann clever in Interviews antworten, ist musikalisch voll anerkannt und hat bisher keine großen Nacktskandal zu verzeichnen – und das weiß ich, weil ich sehr oft danach gesuchmaschint habe. Ich klopfe mir gedanklich auf die Schulter, während ich weiterrede, und das Publikum mit imitierten Charme von Frank Sinatra auf meine Seite ziehe. Die Leute lachen, sie lächeln mir zu, und Sara Bareilles hat ihren Kopf leicht schräg gelegt, und lächelt ebenfall, während sie sich durch die Haare streift.
(Jeder, der sich mit Flirts und Körpersprache auskennt weiß, was das heißt!)

Ich übernehme den Laden – ich bin prima. Die Leute finden mich super, und nach nur 10 Minuten Dankesrede spüre ich, wie ich die Welt begeistert habe – und jetzt will ich noch ein Schäufelchen drauflegen. Wenn ich schon mal da vor Promis spreche, dann muss ich das ausnutzen!

Ich erzähle den Menschen, dass ich mit Sara Bareilles da bin – und dass ich sie nachher noch nach einem “Lovesong” bitten werde, wobei der Rest des Abends dann “Uncharted” ist. (Könnte man witzig finden, wenn man ihre größten Hits kennt.) Katy Perry erzähle ich, dass ich nicht mehr so beleidigt bin, weil sie diesen Russel geheiratet, weil sie uns das großartige Video zu “California Gurls” geschenkt hat, sie sich aber trotzdem melden kann, wenn die Beziehung auseinander geht. Ich bin nicht nachtragend. Bei ihr. Michelle danke ich nochmal für ihre engen Hosen in “Machete”.
Lady Gaga muss dabei so lachen, dass sie mit ihrem Käsekleid vom Stuhl rutscht und ihr Begleiter, entweder Alejandro oder Judas – sie aufhebeln muss.
Alle fressen sie mir aus der Hand – ich fühle mich, als könnte ich alles schaffen. Ich hätte jetzt den Status, zum Beispiel Nadja Bernhard einen Heiratsantrag zu machen, und dann ihren Namen anzunehmen – weil ich schon immer mal mit Bernhard ² unterschreiben wollte. Ich könnte Präsident werden, ganz ohne mit Milch zu beginnen, so wie Berlusconi es tun musste. Ich bin wie Paul Anka bei einem Paul Anka Konzert, nur ohne Paul Anka, ohne Paul Anka Band und ohne Paul Anka Publikum nur eben mit Paul Anka Charme. Ich weiß zu unterhalten. Das wird mir zum Verhängnis.

Ich begehe übermütig den Fehler, der mich mein Leben lang zeichnen wird: Ich nehme das Mikro aus der Verankerung, weil ich locker noch einen Schwank erzählen will, wie bei uns in Österreich gerade die Töchter in die Bundeshymne kommen, und trete neben das Pult. Ich bin jetzt ganz von den Menschen zu sehen, das Rednerpult bedeckt nicht mehr meine unteren Extremitäten (sprich Beine und Beinkleid) und ich bemerke, wie die Promis und gesichtlosen anderen Gäste zuerst staunen und dann schallend lachen. Brian Austin Green kommt Milch aus der Nase. Gaga glitscht schon wieder von ihrem Sitz. Warum? Es ist passiert – ich habe zwar auf meine Schuhe geachtet und auch mein Hemd und Sakko überprüft, aber aus einem jetzt nicht mehr näher zu ergründenden Vorfall trage ich dazwischen eine Pyjamahose aus gelbem Cordstoff. Das wäre nicht schlimm – wenn es 1970 wäre, ich Mick Jagger heißen würde und die Hose zumindest anliegen würde und nicht abgetragen und ausgebeult wäre. Sie ist aber viel zu groß und wahrscheinlich schon 40 Jahre lang aus der Mode. Mein Mund misst unter 120cm Längenmaß. Ich bin nicht Mick Jagger. Also: Peinlich.

Das wars für mich. Die Menschen lieben mich immer noch, aber ab sofort bin ich gebrandmarkt als der lustige Kerl mit den Pyjamahosen.
(Menschen mit vielen Sommersprossen oder einem Hang zu Justin Bieber Fanatismus verstehen mich, wenn ich von “Brandmarkung” spreche …)

Nach meinem großen Abend kriege Einladungen zu Hugh auf die Mansion – Einlass aber nur in Pyjamahose.
Ich eröffne das letzte Konzert der 78. Rolling Stones Abschiedstournee – die Leute buhen mich aus, weil sie mich ohne Pyjamahose nicht erkennen.
Erst, als ich diese hastig überstreife, wird mir zugejubelt und ganz BH-Produktpaletten fliegen auf die Bühne.
Ich schlage Vettels Rekord in Formel 1 Siegen nacheinander – 300, und das, obwohl ich nur bei 290 mitgefahren bin, und dennoch:
Ich bleibe der Kerl mit der Pyjamahose, der halt jetzt auch Weltmeister ist.
Ich führe die Bestsellerliste der NY Times mit 5 Büchern gleichzeitig an – und die sind in griechischer Prosa geschrieben – und dennoch:
In die Saturday Night Show werde ich als “der Mann mit der Pyjamahose” eingeladen.

Am Ende des Traums sitze ich mit 90 im Schaukelstuhl und trage den Bademantel, den mir Hugh passend zu meiner Pyjamahose geschenkt hat. Ich habe ALLES erreicht.
5 Oscars, 3 Grammys, 8 goldene Schallplatten, 12 facher Formel 1 Weltmeister, als Physiker den Chemie- und Friedensnobelpreis gewonnen, mindestens 2 Monate lang habe ich mit Bernhard Bernhard unterschrieben und meine Enkel haben durch mein Vermögen Google, Skynet und die Firma, die Oreos herstellt, kaufen können.

Ich habe arabische Beduinenvölker zur Monogamie bekehrt.

Ich habe Friedensgespräche zwischen Kanada und der Elfenbeinküste ermöglicht – und das, obwohl die noch nicht mal Krieg hatten.

Ich darf 47 Präsidenten weltweit mit dem Du-Wort ansprechen, 45 davon habe ich schon beim Scrabble geschlagen, kaum weniger bereits ein- oder mehrmals nackt gesehen.

Ich habe für und mit Tarantino an den Drehbüchern zu “Kill Bill 3″ und “Hobo with a shotgun 2″ geschrieben. Als Dank hat er mich in jedem Streifen einmal parodiert, indem er mich gespielt hat – in Pyjamahosen. (Mistkerl! Naja, ich kann ihm nicht lange böse sein, er gibt prima Parties.)

Ich habe mit Rihanna “One night in…”
Huch, gerade war der Strom weg – wo war ich? Ja, richtig!

Ich habe alles erreicht. Und dennoch bin ich unzufrieden – weil sich die Leute nicht an das erinnern, was ich ihnen hinterlasse, sondern an meine dämlichen Mick Jagger-Cordpyjamahosen.
Das macht mich rastlos. Mit 90. Mist.

Aufgewacht

Es ist schon merkwürdig. Manchmal kann man, so wie ich im Traum, ganz tolle Dinge tun, und mäkelt dennoch daran herum, weil sie nicht ganz perfekt sind.
Man findet seinen Frieden nicht, obwohl man sich das verdient hätte – und ist ruhelos.

Wenn ich mit 90 wirklich irgendwann im Schaukelstuhl sitze und resümiere, dann weiß ich natürlich nicht, ob Rihanna wirklich mal … Naja egal, ihr wisst schon. Vermutlich ist es mir dann auch egal.
Ich will dann nur 2 Dinge nicht:
Mir Etwas vorwerfen können.
Nicht angekommen sein.

“Angekommen sein” ist eine tolle Bezeichnung – Menschen, die gelassen in ihrem Leben agieren, die so schnell nichts erschüttert, und die ihren inneren Frieden gefunden haben – die sind angekommen.
Das will ich auch im Alter. Vielleicht, wenn ich es mir aussuchen darf, nicht zu spät. So, dass ich meine Gelassenheit und mein Angekommen sein noch genießen darf.
Das ist aber dann auch typisch für unser Leben: Wir hasten von Ziel zu Ziel und überlegen uns nicht, ob wir das wirklich für uns tun, wollen oder praktisch finden.
Wir tun es einfach. Was bleibt ist Unfrieden. Unruhe. Ungewissheit.
Ich glaube, an dem müssen wir in unsere Wohlstandsgesellschaft auch dringend arbeiten. Neben den anderen 5381 Baustellen, die wir so noch offen haben.
Wir müssen unsere Mitte finden, ohne dabei zu weit auf den Rand zu kommen.
Wie sagte MJ schon? Wir müssen zuerst uns ändern, bevor wir etwas Anderes besser machen können.
Und nur wenn wir unseren Frieden haben, strahlen wir das auch aus …

Und während wir das tun, können wir uns ja nochmal “Machete” ansehen …