Kolumne

Wort zum Sonntag – Woche 21-2011: How to survive in a (bad) Horror-Movie

Aufmerksame Leser werden bemerkt haben: Es war einige Zeit lang still. Kein Wort zum Sonntag. Nix. Nicht, weil ich keine Luste hatte oder so – es gab einfach relativ wenig zu sagen. Oder sagen wir so: Relativ wenig, was ich sagen wollte. Nach dem letzten Wochenende hat sich das geändert – und außerdem haben mir auch einige ihre schriftliche Enttäuschung mitgeteilt. Da hab ich was unternommen. Unabsichtlich. Ich war kränkelnd (bitte kein Mitleid, ich hatte Medikamente und erfreue mich bereits wieder fast der vollständigen Fitness eines knapp über 20 Jährigen im täglichen Stabweitwurf- und Meniskuswerfen) zuhause und musste mir die Zeit vertreiben. Wie macht man das am Besten? Richtig! Man packt die DVD Sammlung aus oder plündert die Online-Videothek. Auf anspruchsvolle Kost hatte ich keine Lust, die ist mir zu schade, wenn ich krank bin – außerdem lief ja auch abends der Songcontest, über den ich übrigens kein Wort zum Sonntag schreibe. (Außer es wird verlangt.) Dafür mussten dann also 1-2 Filme aus der Rubrik “Horror” herhalten. Natürlich kann ich nicht einfach nur zuschauen. Ich muss analysieren. Mein Gehirn läuft auf Hochtouren und lässt sich selbst vom durchschnittlichen IQ der Darsteller nicht drosseln. Daher dachte ich – wenn ich schon mal schaue, versuche ich einen Survival-Guide zu extrapolieren. Was müsste man tun um so einen Film in der Hauptrolle zu überleben? Und wer schafft es absolut NIE? Ist ja nicht uninteressant, falls man mal selbst in die Situation kommt. Amerikanische Kleinstädte, meuchelnde Kettensägenmörder, unglückliche Zufälle – all das kann auch bei uns passieren! Und das Wort zum Sonntag kann diejenigen retten, die es betrifft. Wirklich!

Punkt 1 – Niemals eine Abkuerzung nehmen

Meistens passiert dieser Fehler gleich am Anfang. Abkürzungen werden in Horrorfilmen so verteufelt, wie im echten Leben ungefähr das Finanzamt. Und in beiden Fällen ist das gerechtfertigt. Die Wurzel allen Übels. Der Ursprung des Bösen. Ich muss mir das besonders gut merken, ich nehme immer Abkürzungen! Ist aber schlecht. Einfach die längere Strecke nehmen, das ist viel sicherer. Denn: Abkürzungen haben immer eines gemeinsam … sie führen an einen Ort des Grauens:

Punkt 2 – Die Fahrt in abgelegene Kleinstädte vermeiden

Abgelegene Kleinstädte scheinen in den USA ein Speicher des Bösen zu sein. Zumindest wenn man nach Horrorfilmen geht. Nahezu 100% aller wirklich schlechten Filme inkludieren sie in ihre Handlungen. Die Einwohnen sind stereotyp inzestiös, degeneriert oder der Landwirtschaft frönend. So böse wirken sie anfangs also gar nicht. Dennoch – Obacht! Der Schein trügt. Das Böse ist immer und überall. Besonders erwähnenswerte Plätze dort sind:

Punkt 2a – Die Tankstelle

Der argwöhnische Hinterwäldler-Mechaniker ist anfangs recht nett und bringt die Panne am Auto gerne in Ordnung. (Meistens sind nämlich unerklärlicherweise immer in den abgelegenen Kleinstädten die Autos kaputt. Deswegen drehen Audi und Co auch nie Werbespots dort. Vermutlich.) Allerdings ist sein Lager durchwegs schlecht ausgestattet – das nötige Kleinteil muss bestellt werden, das dauert so seine Zeit. Und das hat man im Endeffekt von der Abkürzung: Man sitzt fest und muss warten. Nicht der ursprüngliche Sinn von Abkürzungen.

Punkt 2b – Das Diner

Dort rotten sich die degenerierten Bewohner der Kleinstadt zusammen und betrachten jeden neuen Gast skeptisch – stets mit einer Brise Sadismus in der Mine. Diesen kann man falsch als Hunger deuten – wobei den haben sie vielleicht auch, auf innere Organe oder Meuchelmorde. Meistens gibt es aber zumindest einen Gast im Diner, der die Neuankömmlinge warnt und immer den selben Satz sagt – spart Papier und Personal – und zwar: “Verschwinden sie von hier so schnell sie können!”. Wie Touristen eben sind – sie ignorieren das und machen ein Foto mit ihm. Beide Daumen nach oben, ganz weit nach oben!

Punkt 2c – Die gruselige Kirche

Wer sich für hässliche Kirchen interessiert, sollte Horrorfilme schauen. Da kommen die immer drin vor. Genauer gesagt – SIE. Es ist immer die selbe. Für Requisiten und Bauten ist nicht so viel Geld da. Wie für so ziemlich alles im Film. Wenn nämlich Geld da wäre, wäre es kein Horrorfilm. Man nimmt also immer die selbe Kirche. Man muss sie eigentlich auch gar nicht absichtlich hässlich machen, sie wird ohnehin beim Transport von einem Set zum anderen beschädigt.

Tja, und schon ist es passiert: Bis hier hin wurden alle Ratschläge ignoriert, und man steckt tief im Schlamassel. Richtig tief. Und nun?

Punkt 3 – Situation analysieren, Ruhe bewahren

Zuerst gilt es die Lage sachlich zu beurteilen. Die Überlebensparameter sind: Ist man hübsch? Hat man einen guten Körperbau? Ist man – in der Rolle – klug? Brüste auf einer Skala von 1-10 oberhalb von 6? Dann hat man nicht viel zu befürchten. Es wird zwar einige Male eng, aber: Man überlebt. Schwieriger ist es dann, wenn man bisher nicht viel Text hatte, nicht die / der Hübscheste ist und auch das Oberstübchen ausbaufähig erscheint. Die Chancen stehen schlecht. Maximal schafft man es bis zum Schluss, keinesfalls wird man die ganze Sache aber lebend überstehen. Auch nicht, wenn man – sorry, ich habe die Sache nicht erfunden – farbig ist, Chinese, pummelig, eine Brille hat oder Football spielt. Dann sollte man die Sache abschreiben. Vergebene Lebensmüh, wie wir Österreicher sagen.

Punkt 4 – Die Flucht

Sollte man vorhaben, eine Abkürzung zu nehmen, die durch eine amerikanische Kleinstadt führt, dann sollte man sich vorbereiten und Turnschuhe anziehen. Die wird man brauchen. Man muss dort nämlich viel laufen wenn man auf der Flucht ist. Bitte vor dem letzten Drittel des Films kontrollieren, ob die Schlaufen ordentlich sind. Sonst stolpert man. Und das wäre für Horrorfilme der Marke B-Movie schon zuviel Dramatik. Wichtig ist auch – wenn man der weibliche Hauptdarsteller ist – mit fortlaufender Flucht viel Kleidung abzulegen, bis zum Schluss nur mehr das Unterhemd und eine mehr oder weniger knappe Hose da sind. Und keine Sorge – selbst dann wird einem nicht heiß: Das, was man dann noch trägt, zerreisst nämlich auch noch. Durch mysteriöse Umstände. Daher empfiehlt es sich auch auf Mama zu hören und immer saubere Unterwäsche zu tragen. Die wird man nämlich ziemlich intensiv sehen.

Zur Flucht selber: Wenn man die Wahl hat zwischen einer verlassenen Straße und einer verlassenen Fleischfabrik, dann sollte man sich NIEMALS für die verlassene Fleischfabrik entscheiden. Eigentlich eine Entscheidung, die schon die Logik befiehlt, wenn man über 3 oder nüchtern ist. Dennoch ist das ein Fehler, der so oft begangen wird! (In japanischen Horrorfilmen wird die Fleischfabrik übrigens IMMER durch eine Sushi-Fabrik ersetzt. So viel dazu, dass Horror kulturelle und gastronomische Neigungen ignorieren würde.) Hustenbonbons eingepackt? Die sind jetzt wichtig. Nur wer viel, laut und kreischend schreien kann, hat eine Chance als Scream-Queen zu überleben. Hustenbonbons und Kamillentee sind natürlich Dinge, die man schon vor dem Trip einpacken muss – sowas findet man recht selten in stillgelegten Nutzviehschlachtereien. Das gehört ins “Wie überlebe ich den Horrorfilm”-Package.
Noch ein wichtiger Punkt: Wenn man in der Nutzviehschlachterei die Möglichkeit hat,zu fliehen oder aufs Dach zu laufen – immer ersteres. Auch das ist ein Fehler, den nahezu alle machen und der Menschen eigentlich nicht mehr passieren sollte. Wenn sie über 3 sind. Und nüchtern.

Punkt 5 – Traue niemals dem Sheriff!

Amerikanische Kleinstadt-Sheriffs sind die mit Abstand interessantesten Figuren in Horrorfilmen, weil sie als Tweener agieren. Also als Charaktere, die zuerst gut, nett und hilfsbereit erscheinen, dann im entscheidenden Moment aber dazu tendieren, einen von hinten mit rostigen Scheren niederzumetzeln. Mistkerle! (Ich hoffe, ich darf das sagen – sonst mag ich Polizisten ja.)

Punkt 6 – Geschafft

Wenn man sich penibel an die bisher genannten Ratschläge hält, hat man es geschafft. Überlebt. Man findest seinen Namen später dann beim Abspann ganz oben unter “Cast” wieder. Noch schnell die vorhersehbare Szene hinter sich bringen, die einen 2. Teil offen lässt und gut ist es.

Apropos 2. Teil … wirklich gut überlegen, ob man den machen will. Dort sterben nämlich immer die als erste, die den ersten Teil überlebt haben. Und so schließt sich der Kreis. Ein Fehler kann man Ende dann doch schon einer zuviel sein. Und das ist auch das, was schlechte Horror-Filme nicht vom echten Leben unterscheidet.