Kolumne

Wort zum Sonntag – Woche 14-2011: Die Schleimabsonderungs-Bredouille

Falls ihr euch vor Körperfunktionen ekelt – keine Sorge. Die Überschrift ist vielleicht etwas unklar, aber der Inhalt ist nicht ganz so grauslich, wie man es erahnen mag. Dafür umso ekliger.
Es geht nicht um rotzende Menschen oder um sich schneuzende Grippeviren-Vulkane. Aber dennoch um Schleim. Um Schleimer, genauer gesagt.
(Ich entschuldige mich für den Bruch im Genderkonzept – natürlich sind auch SchleimerInnen gemeint!)

Mir kommt vor, als würde die Welt derzeit davon regelrecht heimgesucht. Und das stört mich irgendwie. Ich reagiere darauf cholerisch.

Aber zuerst mal zur Begriffsdefinition: Was sind Schleimer?

Schleimer sind – Entschuldigung, sowas macht man normalerweise nicht, ich begehe einen ethischen Fauxpaus – im Prinzip wie der von uns gegangene Eisbär Knut. Sie verstecken ihr grausames Inneres (!!!) meistens unter einer sehr ansehnlichen Schale. So wie Knut. Der war weiß und als Eisbären-Baby ziemlich putzig und süß. Mag man denken. Eisbären sind aber nicht putzig und auch nicht süß. Fragt man Zoologen und Biologen, so werden die bestätigen, dass Eisbären die grausamsten Tiere sind, die man sich so vorstellen kann. Sie sind aggressiv, fressen in freier Wildbahn wirklich süße Robbenbabies als wären sie Chicken Wraps und verletzen andere Tiere auch mal nur so aus Spaß. Der einzige Grund, warum ein Eisbär nicht den ihn fütternden Pfleger in Stücke reisst, und mit seinen Innereien (!!!) Monopoly spielt, ist der, dass der Pfleger schwerer zu zerlegen ist, als das gewürfelte Futter, das er ihm gibt. Sonst gibt es keinen Grund. Überhaupt keinen. Eisbären sind wesentlich gefährlicher als Grizzlybären, Warane oder Rabenkrähen. Rabenkrähen zum Beispiel sind friedlich, wirklich unterhaltsam – weil sie eine Theory of Mind haben und gerne spielen – haben aber ein schlechtes Image, weil sie eben nicht so NIEDLICH erscheinen wie Knut, Helga oder der Polarbär auf den Hustenzuckerln. Zu unrecht. Sie schleimen sich einfach nur nicht so ein. Sorry, Knut.

Warum wächst die Population der Schleimer?

Gute Frage. Weil sie sich vermehren, wäre meine erste Antwort. Die ist aber zu banal – in Wirklichkeit ist es bestimmt eine Mixtur aus unlauteren Zielen beim Schleimer und Egopolitur beim Angeschleimten. Uns Werbern haben sie, so lange wir ausgebildet wurden, immer gesagt:
Wir Menschen hören am Liebsten zwei Dinge …
1. Unseren Namen
2. Lob
Beim Namen kann man nicht tricksen, beim Lob dafür umso mehr. Das trägt dazu bei, dass unsere Wahrnehmung von dem vielen Schleim verklebt wird, der so um sich spritzt.

Und du Großmaul bist natürlich kein Schleimer, was?

Nein, bin ich nicht. Ich finde, dass Lob, Komplimente, Zuspruch oder Beurteilungen, die nicht ernst gemeint sind, eine der niedrigsten Formen der Beleidigung sind. Sie entwürdigen den Empfänger, kehren die unlauteren Ziele der Absender nach außen und sind somit einfach überflüssig.

Wenn man lernt, das zu sagen, was man meint, notfalls eben nur, wenn man wirklich danach gefragt wird, dann braucht man das alles nicht. Wenn man mit Lob ehrlich und offen umgeht (auch wenn das nicht immer gut ankommt) und wenn man es auch schafft, Kritik charmant und richtig zu verpacken, dann senkt man den Meeresspiegel des Schleimischen Ozeans gleich um ein paar Meter.

Daran möchte ich mich halten. Natürlich scheitere ich auch manchmal, aber ich gelobe, Lob und Komplimente ehrlich zu meinen. Das bedeutet: Ich trage dazu bei, das Schleimische Meer auszutrocknen. Und das ist wohl der einzige Ozean, dem es nicht schadet, wenn sein Spiegel deutlich sinken würde …