Kolumne

Wort zum Sonntag – Woche 09-2011: Meine Beeinflussbarkeit

Heutzutage wird man ja durch viel beeinflusst.
Manchmal auch durch Dinge, die es nicht gut mit einem meinen.
(Und mit einem meine ich mich.)

Ich habe es da besonders schwer – meine Beeinflussbarkeit ist legendär.
So legendär, dass sie schon von Forschern untersucht werden hätte sollen. Ist aber nie passiert. Ich habe dann aber doch in letzter Sekunde immer auf die gehört, die mir davon abgeraten haben.

Dass ich relativ leicht zu beeinflussen bin, habe ich schon sehr früh bemerkt.

Als heranwachsender Mensch im besten Volksschulalter habe ich beim Spielzeug-Tausch immer den Kürzeren gezogen, weil ich mich beeinflussen habe lassen. Meistens habe ich einen Autobot eingesetzt und am Ende eine bemalte Kartoffel bekommen. Und schon damals waren Kartoffeln eben nur Kartoffeln.

Als Teenager war ich mit meiner sprichwörtlichen Beeinflussbarkeit ein beliebtet Partner bei den Mädchen, weil man mir wirklich sehr viel einreden konnte.
“Ist ein goldener Ring nicht etwas teuer als Geburtstagsgeschenk? Ich bin erst 13!”
“Aber ich mag doch so gern einen ..”
Schwupps, schon war es geschehen und hätte ich nicht immer so hart gearbeitet, wäre ich sicher bald bei Peter Zwegat gelandet.
(Und den kann ich gar nicht leiden, hat mir jemand eingeredet.)
Aufgrund dieses zweifelhaften Rufes werde ich heute noch von Müttern ehemaliger Klassenkolleginnen angerufen, die sich sehr interessiert erkundigen, ob ich denn noch zu haben sei.
Nette Menschen, die sind bestimmt nur um mich besorgt!

Als ich vor 3 Jahren beim Haareschneiden auf den Rat der Friseurin gehört habe, und mich zum Jared Leto Schnitt überreden habe lassen, passierte ein legendäres Haarmassaker, das in meiner Heimatgemeinde heute noch in einem Atemzug mit dem Lugner-Lohan-Skandal oder der Guttenberg-Affäre genannt wird.
Dabei bin ich mir heute noch sicher: Sie hat es nur gut gemeint!

Im Supermarkt trifft mich dieses Schicksal auch öfter sehr hart. Ich habe bereits Käse (den, den ich mag, das muss ich sagen, weil es auch sehr viel üblen Käse gibt!!) im Einkaufskorb, bis ich die Käsetheke kreuze, und mir die nette Verkäuferin laut schreiend einen “KÄSE!!!” anbietet und meint, “DEN MÜSSEN SIE KAUFEN, DER IST GUT”!
Ich brauche nur eine Art von Käse (ich bin ja kein Franzose!!), also behalte ich den “guten” KÄSE und lege den anderen zurück.
Fatal.
Gut ist nämlich nicht immer gut.
Das klingt verwirrend, es ist aber durchaus nachvollziehbar.
Wenn ich den Nobelpreis haben wollen würde, und das Komitee sagen würde: “Sie waren gut, aber leider war ein Anderer besserer.”, dann wäre gut keineswegs gut.
Wenn mich ein Auto überfahren würde, und ich leicht verwirrt ins Krankenhaus müsste, dann würden die Schwestern sagen “Gut, dass er frische Unterwäsche trägt.”, und dennoch wäre ich verletzt und im Krankenhaus.
Gut ist also nicht wirklich gut, und guter KÄSE ist auch nicht gut!!

Wenn ich im Buchladen eine Graphic Novel kaufen will, und die nette Verkäuferin mit den niedlichen Grübchen sagt “Kaufen sie das, das ist wirklich ein solides Buch!” dann tue ich das auch. Obwohl ich französische Liebesromane hasse, und sie nur als Türstopper nutze.
“Solide” scheint man also mit “gut” gleichsetzen zu können.

Heute hat sich das alles etwas gelegt, ganz so einfach bin ich jetzt nicht mehr zu beeinflussen.
Ich kann Entscheidungen abwiegen, ich denke darüber nach und nur weil mich eine hübsche Frau um etwas bittet, tue ich das noch lange nicht. (Zumindest nicht wenn ich schlafe, erkältet bin, gerade überfahren wurde und mit frischer Unterwäsche im Krankenhaus liege oder vom Nobelpreis träume.)
Nein, über diese Phase bin ich hinweg.

Dachte ich zumindest, bis ich gestern mal wieder KÄSE gekauft habe …
Den “guten”.