Wort zum Sonntag – Woche 48-2011: Immer nie Zeit
Es ist schon ein Problem, dass wir Zahlen haben. Zahlen haben es uns ermöglicht, zu zählen. Und seit wir zählen können, wissen wir auch ungefähr, wie alt wir werden. Wie begrenzt unsere Lebenszeit ist. Das stinkt irgendwie.
Und dieser Käse fängt schon weiter unten an zu stinken – bei der Uhr. Es gibt wohl kein Teufelsding, das unser Leben so prägt wie Uhren. Sie sind oft die wahren Entscheidungsfaktoren dafür, ob wir Dinge machen oder nicht. Seit ich klein war – also so mit 20 ca. -, habe ich darüber nachgedacht, wie ich mich gegen diese Bewegung stellen kann. Ich wollte Revolutionsführer sein. Und Einstein zugleich.
Die Zeit – der übermächtige Endgegner?
Es ist wie verhext. Was man auch probiert – so richtig spart man nie Zeit. Überall lauern die Zeitfallen.
Zum Beispiel bei Socken: Wenn man nur mehr gleiche Socken hätte – also Farbe, Muster, Schnitt, Größe usw., würde man ja zuerst mal Zeit sparen. Man muss nicht mühevoll aussuchen. Man muss nicht Sockenpaare nach dem Waschen zusammensuchen. Man muss sie nicht mehr zusammenlegen, weil es ja egal ist – sind sowieso alle gleich. Man muss sich nicht mehr überlegen, welche Socken man tragen will! Dann kommt aber meine Neugier zum Tragen. Es heißt ja, dass Socken in der Waschmaschine spurlos verschwinden – ich müsste also immer meine Socken nachzählen, um zu erforschen, wie viele die Waschmaschine geschluckt hat. Wenn aber alle Socken gleich sind, verzählt man sich oft, und diese Sockenzählung wird zu einem unendlichen Ding. Ich muss Schwund in Diagrammen und Trichtergrafiken festhalten, die sind ziemlich schwer! Das dauert alles. Und knabbert an meinem Zeitmanagement. Die Zeit, die ich beim Kaufen, Waschen, Zusammenlegen und bei der Auswahl gespart habe, ist damit wieder weg. Und schlimmer: Vermutlich dauert es bei meiner Pedanterie sogar länger. Scheiße, die verdammte.
Was absolut nervig ist – überall muss man warten obwohl mit der Uhr ja auch der Termin erfunden wurde. Beim Zahnarzt zum Beispiel. Man verliert so viel Zeit beim Warten, dass es fast zum Weinen ist. Zum Weinen VOR der Behandlung! Können die sich nicht was einfallen lassen, dass das Warten wenigstens Sinn macht? Meine Idee wäre: Während man behandelt wird, könnten doch zeitgleich mehrere Ärzte ihr Geschäft machen. Wenn man da so im Behandlungszimmer steht, während der Arzt die Zähne kontrolliert, könnte doch auch gleich der Orthopäde einen Blick auf die Füße werfen. Dabei hebt man seine Arme und der Hautarzt kontrolliert den Ausschlag. Für den Lungenfacharzt könnte man zeitgleich husten. Der Internist könnte ein EKG schreiben, während der Augenarzt mich von einer viel zu kleinen Tafel lesen lassen könnte. Und der Urologe könnte … na ihr wisst schon. Platz wäre da ja noch, weil die anderen Ärzte mit anderen Baustellen beschäftigt sind. Aber auch das ist nicht möglich – die Zeit, in der ich Ärzten diese Idee schon geschildert habe, hat mich Wochen an Wartezeit gekostet. Niemand war empfänglich. Wieder gescheitert. Nix Revolution.
Brot. Brot ist auch so eine Sache, die mich zur Weißglut bringt. Brot ist super für unseren Körper. Da sind Kohlehydrate, Balaststoffe und so Zeug drin. Aber Brot läuft sehr schnell ab, wird trocken oder verändert seine Farbe. Will man sich nicht einen ganzen Wochentag zur Beschaffung von neuem Brot freihalten, muss man fast auf Toastbrot umsteigen. Das hat aber zwei Mankos: Erstens – es ist nicht so gesund wie anderes Brot. Zweitens: Während Toastbrot toastet muss man wieder – richtig – warten. Ich meine – wir können zum Mars fliegen, haben so Dinge wie den Hulk oder Controlling erfunden, schaffen es aber nicht, bereits getoastetes Brot zu verkaufen? Wir stehen wirklich am Abgrund!
Fußball ist eine tolle Sache, wenn man ein Mann ist. Geprägt ist Fußball aber auch vom Warten – nach dem Spiel ist vor dem Spiel und so muss man ständig auf die nächste Partie vom Lieblingsverein warten. Es ist zum aus der Haut fahren! Könnte man bei ganz beliebten Mannschaften wie Manchester United oder Schalke 04 nicht den Kader etwas erweitern, damit die ständig spielen? So richtig rund um die Uhr. 90 Minuten nach 90 Minuten nach 90 Minuten nach 90 Minuten. Das würde dem Arbeitsmarkt gut tun. Junge Fußballer kämen zum Zug. Mehr Fußballer = Mehr Merchandising. Wirtschaftsaufschwung. Europa kauft China und die USA. … Ihr seht – es gibt genug Argumente dafür. Aber was machen die Vereine? Langweilige 20 Mann Kader, Winterpausen, 90 Minuten die vorbeigehen, als wären sie 3 min Werbeblöcke usw. Das ist doch nicht effektiv! Und ich bin wieder gescheitert – kein europäischer Spitzenklub hat auf meine Forderung geantwortet. Nur Arsenal, Real und Hoffenheim möchten mich jetzt nicht mehr in ihren Stadien haben.
Die Zeit – der übermächtige Endgegner
Ich weiß nicht mehr, wer es war – Zygmunt Baumann vielleicht – der gesagt hat: “Die Uhr ist vielleicht die bedrohlichste Erfindung, die uns der technische Fortschritt gebracht hat.” Er hatte recht. Sie sorgt dafür, dass wir Menschen durch unser Leben taumeln, stets von etwas getrieben, das wir nicht verstehen. Unsere Zeit ist begrenzt, das wissen wir – und wie exakt sie begrenzt ist, wissen wir auch. Die Frage ist, wie wir damit umgehen. Woran erkennen wir “Timekiller” – woran erkennen wir Stress? Und: Woran erkennen wir die Dinge, für die wir uns Zeit nehmen sollten, weil uns sonst etwas entgeht? Naja, ihr wisst ja – das hier ist KEINE Ratgeberrubrik, daher kann ich das schwer beantworten. Ich weiß nur, dass der Dezember ein idealer Monat ist, wenn man mal etwas innehalten will.
Man muss sich von dem ganzen Stress nicht anstecken lassen.
Und was ich auch weiß – manche Menschen haben es sich verdient, dass man ihnen Zeit schenkt.
Ich wünsche mir für diese Menschen mehr Zeit zu haben. Zeit, ihnen Aufmerksamkeit zu schenken.
Denn das ist doch in Wahrheit die wichtigste Form von Anerkennung, die man jemanden entgegenbringen kann.
Aufmerksame Zeit. In diesem Sinne:
Punkt.


