Kolumne

Wort zum Sonntag – Woche 50-2011: Es schneit!

Als Alpenrepublik vergleichen wir uns gerne mit anderen Ländern, in denen es recht kalt ist: Finnland, Schweden und der Antarktis. Man muss nicht lange raten, warum das so ist – es liegt daran, dass auch wir wissen, wie richtiger Winter geht. Außer die in Wien. Die kennen ihn nur von Erzählungen. Nichts desto trotz, braucht auch der routinierte Österreicher seine Anlaufzeit, bis er mit dem Winter zurecht kommt. Da dieses Wochenende endlich in ganz Österreich Schnee fällt (außer bei denen in Wien), nutze ich die Chance, um auch den Nachbarn in Deutschland, der Schweiz und den Finnen, Schweden und Antarktikern mal zu erzählen, wie das bei uns so ist.

Phase 1 – Es schneit!

Wegen der komplizierten Planetenkonstellation über Österreich schneit es bei uns meistens nachts. Das wäre jetzt echt zu kompliziert, um das hier zu erklären. Jedenfalls ist es so, dass man morgens aufsteht, die Nachrichten einschaltet, und in großen Lettern lesen kann: “Schneekatastrophe in Österreich”. Huch! Vor Schreck lässt man fast das Heubutter-Nutellabrot fallen.  Mit besorgter Mine erzählt die Nachrichtensprecherin, dass auch im Flachland um die 5 cm Schnee gefallen sind. 5 cm – das muss man sich mal vorstellen! Der Wetterexperte meint mit noch besorgterer Mine und verkrampft vom Dekollete der Nachrichtensprecherin wegstarrend:
“Wir haben das überprüft – das hat es sei fast EINEM Jahr nicht mehr gegeben!”.
Zum Abschluss des Berichts gibt ein Sprecher des Innenministeriums noch eine Reisewarnung für Österreich – man soll das Haus nur verlassen, wenn es unbedingt nötig ist.

Phase 2 – Hamsterkäufe

Apropos nötig – wenn man so beim Fenster rausschaut, merkt man: Es schneit noch immer. Im Kühlschrank ist nur mehr eine alte Orange. Damit wird man die nächsten Tage nicht überleben – man muss also raus.
Beim Auto angekommen, gilt es der Schneemassen Herr zu werden. Andere Nachbarn schauen eifersüchtig und missgünstig auf meinen kleinen Besen, mit dem ich mein Auto abkehre. Sie selber haben keinen – man kann Mitte Dezember auch wirklich nicht damit rechnen, dass Schnee kommt. Pfiffige Nachbarsfrauen übergießen ihre Autos mit heißem Wasser vom Herd oder kratzen es mit Schaufeln frei. Manche starten ihre Autos, und testen panisch, ob ihr Auto nicht doch eine unentdeckte “Schneefrei-Funktion” besitzt.

Im Lebensmittelgeschäft angekommen, merkt man dann definitiv: Es muss ernst sein. Die Menschen tätigen Hamsterkäufe – sie kaufen genau die Dinge, die man zum Überleben braucht: Kinder Schokobons, Axe Duftspraydosen, Schokoschirmchen für den Christbaum und Fusselrollern. Sie werfen all das in ihre Wagen und versuchen panisch, den Laden schnell zu verlassen. Dabei werden sie nach ihrer Vorteilscard gefragt. Ich bin cleverer – ich kaufe Zahnbürsten und Zahnpasta in großen Mengen. Die Zähne sind auch zu Krisenzeiten wichtig – und mit Zahnpasta kann man sich notfalls auch ernähren, während man dabei Karies bekämpft. Außerdem kaufe ich noch Zündhölzer. Ich habe nicht viele Kerzen, aber wenn der Strom wirklich lange ausfällt, kann ich noch genügend andere Dinge anzünden, die Licht spenden.

Vorausschauend habe ich daheim schon überprüft, wie meine DVD Reserven so sind – Gott sei Dank, sie sind gut. Wenn Schnee fällt, ist es nämlich recht kompliziert, bei AMAZON & CO zu bestellen. Dann wird die Post ausschließlich aus Versorgungsflugzeugen abgeworfen, und man kann sich vorstellen, dass man die meisten Pakete erst zu Ostern wieder findet, wenn Alf, Dr House & Walter White schon von Eichhörnchen angeknabbert wurden.

Phase 3 – Schutz des Eigenheims

Der Durchschnitts-Österreicher ist nicht dumm. (Auch wenn PISA anderes sagt.) Er hat Kinder. Kinder eignen sich im Winter bei Schneefall prima – zu allem. Schnee sorgt dafür, dass Kinder sich selbst beschäftigen und dabei gleichzeitig wie zu Kriegszeiten das Eigenheim schützen. Sie verjagen und bewerfen andere Kinder, die zweifellos nur deswegen angelaufen kommen, weil ihre Eltern sie plündern geschickt haben. Jeder Schneeball, der in diesen Schlachten fliegt, ist ein stilles Symbol der umkämpften Freiheit. Es geht nur so – sonst würden diese gierigen Biester vermutlich in Massen die eingelagerten Dosenpfirsiche klauen – und natürlich auch den Axe Duftspray.

Die Kinder, die nicht plündern, bauen wiederum Schneemänner, die wie ein Zaun wirken – niemand kann mehr ungehindert auf das Grundstück. Die kleineren Kinder, die in ihren Skihosen völlig bewegungsunfähig sind, dienen dabei als eine Art Alarmsirene. Sobald sie etwas sehen – irgendwas, es ist wirklich völlig egal WAS – beginnen sie unkontrolliert zu plärren, schreien, weinen und rufen. Es gibt keine bessere Plünderabwehr.

Phase 4 – Lage ruhig, Lage normal

Die Normalität setzt dann ein, wenn die 15 cm Schneegrenze überschritten wurde. Warum es genau 15 cm sein müssen, erforschen die Wissenschaftler noch – das soll hier also kein Thema sein. Aber sobald der 16. Zentimeter gefallen ist, den wir Österreicher immer persönlich begrüßen, fühlen wir uns wohl und können unsere Stärken ausleben. Wir wissen genau, welche Kleidung man tragen muss, um draußen zu überleben und die Blase zu schützen. Modisch sind wir meistens nicht, aber in Krisenzeiten ist das auch egal – und der Blase sowieso.

Wir können unsere Autos so lenken, als wären wir mit ihnen verwachsen auf schneeglatter Fahrbahn geboren worden.

Wir sind jetzt auch wieder bereit, Besuch zu empfangen – wir nennen diesen Besuch Touristen, ihr könnt gerne sagen dazu, wie ihr wollt.

 

So. Ausführlicher kann ich das jetzt wirklich nicht beschreiben – ich muss schließlich noch zu den Hamsterkäufen aufbrechen. Solltet ihr heute nichts mehr von mir hören, haben mich die Kinder der Nachbarn irrtümlicherweise erlegt und halten mich an einen Schneemann gefesselt gefangen. Ruft Chuck Norris oder Al Borland – die wissen, was zu tun ist. Danke.