Wort zum Sonntag – Woche 48-2010: Sleepless chronicles
Auf den letzten Medientagen habe ich gelernt, dass heutzutage trendige Überschriften wichtiger sind als je zuvor.
Da dachte ich – gut so, das probiere ich jetzt mal.
Was hier unter “SLEEPLESS CHRONICLES” steht, ist nichts anderes als ein Tatsachenbericht, der über eine schlaflose Nacht berichtet und wie ein nächtliches Tagebuch aufgebaut ist.
(Ergänzung des Autors: Vor allem hab ich die durch namentliche Ähnlichkeit des Titels so vielleicht auch die Chance, dass sich ein paar Vampirfans her verirren.)
Alles, naja das meiste was folgt, ist wahr und tatsächlich so passiert.
Ich habe lediglich ein bisschen Sex & Crime zugemengt, das braucht man ja heutzutage für die Quote.
Also, los geht es …
Vorwort:
Eigentlich liebe ich ja die Nacht.
Alles ist ruhig, hässliche Dinge sind in schwarz getaucht und die anderen Dinge sind hübsch beleuchtet.
Außerdem kann man spät abends schön kreativ sein und Arbeit abarbeiten, weil man meist ungestört ist.
Grundsätzlich schlafe ich aber auch gerne – und ich weiß Schlaf noch zu schätzen. Nicht nur, weil er lebensnotwendig ist – sondern auch, weil wir von der New Economy das so machen. Man darf auch nicht vergessen, dass ich immerhin ein Schlafzimmer “bezahle”. Miete, Einrichtung, gutes Bett … das will auch genutzt werden, die Anschaffung muss sich schließlich lohnen. Sonst hätte ich ja gleich eine Wohnung ohne Schlafzimmer mieten können, oder einen Konzertflügel rein gestellt.
Manchmal, selten aber doch, passiert es, dass ich gar nicht schlafen kann. Egal was ich auch versuche. Ich bin dann völlig unruhig und kann tun, was ich will – nur nicht einschlafen.
23:11 Uhr
Die rötliche Färbung meiner Augen zeigt:
Ich bin müde, aber völlig übernächtigt.
Habe keine Erklärung parat, warum das so ist – die 5 Espressos nach dem Abendessen könnten eventuell Teilschuld haben.
Entweder das, oder ich bin Schlafwandler und während ich schlafwandle, übe ich mich als Crackjunky.
Ich starte den ersten Versuch, gehe ins Bett, und ich weiß sofort – 2 Nanosekunden später: Das wird nix. So ähnlich muss es den österreichischen Skiherrn derzeit gehen, wenn sie am Start stehen.
23:11 Uhr + 2 Nanosekunden
Im Fernsehen läuft, wie so oft, nur Mist.
Die, die tagsüber angezogen sind, sind jetzt fast nackt und auf DSF oder gerade bei Lanz.
Langweilig.
Arbeiten kann ich nicht, das wird in diesem Zustand nix.
Da kommt nur Blödsinn raus.
Also: Ich suche krampfhaft Beschäftigung, die mich vielleicht körperlich etwas auspowert und müde macht.
Zerknülltes Papier (von der Fernsehzeitung) vom Sofa aus in den Papierkorb werfen, der 2 m neben mir steht.
Das mache ich jetzt so lange, bis ich das erste mal treffe.
23:58 Uhr
Getroffen.
Ausführlicher Jubel folgt, ich übe meine Touchdown-Choreografie.
23:59 Uhr
Und jetzt?
Ich suche mir ein gutes Buch, und werde so lange lesen, wie ich es in meinem völlig übernächtigen Zustand schaffe, mich zu konzentrieren.
00:00 Uhr
Wieder beschäftigungslos.
Ich erinnere mich an Cleopatra und verwechsle das, was sie gemacht hat, mit einem Tipp aus Großmütterchens Trickkiste:
Ich bade in warmer Milch mit Honig.
Hilft nix. Falten noch da. Badewanne klebt. Immer noch schlaflos.
(Nicht in Seattle.)
00:12 Uhr
Fertig gebadet, ich dufte wie eine Kuh, die sehnsüchtig auf den Bauern wartet und Bienen anlockt.
Plötzlich meine ich, gegenüber beim Nachbarn Einbrecher gesehen zu haben.
Ich werfe mich auf den Boden, robbe in Tarnung bis zum Fenster und beobachte mit meiner Zimmerpalme am Kopf – man will schließlich gut getarnt sein – das Geschehen.
Gerade als ich mein gespeichertes McGyver Wissen im Kopf sortiere um nach einfachen Lösungen für eine Schusswaffe zu suchen, bemerke ich:
Keine Einbrecher, das was ich beobachte, ist nicht mal ein Haus.
Übermüdete Wahnvorstellung. Aber ich liege gerade bequem am Boden.
01:00 Uhr
Wie lange war ich weg? Dem Abdruck der Zimmerpalme im Gesicht zufolge schon ein bisschen. Egal.
Ich muss wieder etwas tun.
Ich könnte mal wieder meine Kontakte auf den Handies sortieren und überarbeiten.
01:47 Uhr
Beim iphone abgerutscht, versehentlich eine Telefonkonferenz mit 347 Leuten gleichzeitig gemacht.
Die Amerikaner (andere Zeitzone) freuen sich über meinen Anruf, die Europäer drohen mir und geben eine Runde kreative Schimpfworte aus.
2:23 Uhr
Nachdem ich alle zurück gerufen und mich in sehr kurzen Sätzen entschuldigt habe, kommt mir eine tolle Idee:
Ich versuche mich, mit Hilfe des Kaminfeuers auf Super RTL, in den Schlaf zu langweilen.
Klappt nicht. Ich wache schon wenige Sekunden später wieder erschrocken auf und kann mich gerade noch kurz davor bremsen, wie ich den Fernseher löschen will.
3:47 Uhr
Die Lage ist aussichtslos. Ich mache einen Nachtspaziergang.
Als ich überlege, welche Route ich gehen möchte, merke ich, dass ich entweder meine Hose vergessen habe, oder es wirklich wirklich wirklich ziemlich kalt ist.
(Leider traf beides zu.)
Ich hole mir eine Hose und gehe durch die Ortschaft, werde dabei aber verfolgt.
Wer es ist, kann ich aus den Augenwinkeln nicht genau sehen, aber er scheint so trickreich zu sein, dass er keine Geräusche macht und nicht mal zu sehen ist.
Na warte, ich krieg dich …
3:59 Uhr
Verfolger ist immer noch unsichtbar und lautlos, aber es ist so kalt, dass mir etwas an der Innenseite meines Oberschenkels angefroren ist.
Ich kann mir denken, was es ist, und gehe nach Hause.
Zuhause merke ich dann: Wie vermutet … ich habe eine Milchschnitte in der Hose gehabt, die jetzt als zerquetschter Eislaufplatz an meinem Oberschenkel klebt.
(Wehe, ihr denkt zweideutig, es war wirklich eine Milchschnitte!!!)
4:01 Uhr
Wieder daheim. Ich spiele “russisches DVD Roulette” und suche mir blind eine DVD aus, die ich mir ansehen will. Paranormal Activity erwischt.
In meinem Zustand!
4:02 Uhr
Dumme Idee!
4:07 Uhr
Im Fernsehen verkauft ein gewisser Horst Fuchs gerade Messer, mit denen man Ziegelsteine, Autos oder Atomuboote zerschneiden kann.
Das brauche ich hin und wieder, also rufe ich an, um die Messer zu bestellen.
Die nette Verkäuferin sagt mir, dass man ab 25 Messerblöcken einen gratis kriegt, und weil sie so nett ist, und nachts arbeiten muss, kaufe ich 30 Stück Messerblöcke.
Am nächsten Tag, nachdem ich geschlafen habe, werde ich mich darüber aufregen – bis ich merke, dass ich als Lieferadresse die Bakerstreet 221b angegeben habe.
HAHA, Sherlock, eat this!
4:54 Uhr
Lage aussichtslos. Ich schaue mir auf Youtube die 25 schlechtesten Fußballtore aller Zeiten an. Toll.
Dann gehe ich schnell mal auf Facebook und wünsche versehentlich allen Freunden Alles Gute zum Geburtstag, nur dem einen nicht, der wirklich hat.
4:58 Uhr
Wenn der Computer schon mal an ist, kann ich doch auch versuchen, sinnvolle Dinge zu tun. Ich habe 48.745 Mails im Posteingang, die könnte ich alle einzeln sortieren oder löschen.
Ich muss sie aber vorher lesen. Natürlich. Ich kann nicht einfach drauf los löschen, und vielleicht etwas Wichtiges löschen.
5:00 Uhr
Aufgegeben.
5:05 Uhr
Plötzlich habe ich eine super kreative Idee … den Einfall des Jahrtausends. Ich nehme einen Block und schreibe darauf los, ich zeichne, ich skizziere, völlig wild geworden. Es strömt gerade so aus mir raus … Ich sehe die Konkurrenz schon heulend am Boden liegen …
Dann die Erkenntnis: Mist, hat Apple schon gebaut!
5:45 Uhr
Ich beginne, meinem Brieffreund auf Montserrat zu schreiben. Ich berichte ihm, wie aussichtslos es für mich scheint, jemals wieder schlafen zu können. Dann fällt mir ein, dass das eigentlich völlig sinnlos ist – Briefe nach Montserrat brauchen 24 Tage, weil sie mit dem Flugzeug dort abgeworfen werden, und in 24 Tagen habe ich vielleicht eine Phase, in der ich wieder himmlisch schlafe.
Er würde es dann lesen, wenn es nicht mehr zutrifft – ähnlich wie bei Nachrichten im Internet und dann später in der Zeitung.
5:58 Uhr
Draußen schleicht mein unsichtbarer, geräuschloser, gestaltloser Verfolger um das Haus. Soll er nur kommen. Ich habe 28 mal “Kevin allein zu Haus” gesehen.
6:02 Uhr
In gut einem Monat ist Weihnachten. Es wird also Zeit, Osternester vorzubereiten, nicht dass mir bis April was dazwischen kommt.
06:03 Uhr
Keine Ostersachen da, Operation abgebrochen.
6:06 Uhr
Trockenübung. Ich lege mich ins Bett. Wach. Ohne Buch. Ich schließe die Augen. Nur so.Ich tue, als ob ich schlafen würde.
6:09 Uhr
Endlich klappt es. Ich schlafe ein. Gute Nacht!
6:10 Uhr
Der Wecker klingelt.



Boah, musst du mich an die fiesen Nächte erinnern an denen man nicht einmal ein Auge zukriegt? Grundsätzlich interessante Beschäftigungen dabei, ich bleibe bei Schlaftee trinken und lesen, das geht immer und regt nicht so auf. Ansonsten kann ich Baldriantropfen
empfehlen.
Eins würde mich aber doch interessieren? Wie kommt eine Milchschnitte in deine Hose?
Was wäre denn, wenn ich mich verirrt hätte … wir haben hier 76 Seen, da ist Wasser kein Problem, aber jagen im Nebel?