Wort zum Sonntag – Woche 46-2010: SNF
Prolog:
Ich bin Zugfahrer. Manchmal.
Mangels an Alternativen greife ich daher öfter mal auf die ÖBB zurück – so wie letztens, an jenem verhängnisvollen Abend.
Grundsätzlich ist Zugfahren nach Wien oder Innsbruck ganz ok – man setzt sich rein, liest oder hört Musik, surft, hat keinen Stress und kann runterkommen.
Nicht immer.
Wer die Abendzüge der Bundesbahn kennt, der weiß:
Dort an einen Sitzplatz zu bekommen ist, wie auf einer Sprengfalle Stepptanz zu tanzen, nur gefährlicher.
Es gibt fast NUR Schlafwaggons und die sind gruselig, stinken, und es kann einem passieren, dass sich fremde Menschen neben einem schlafen legen.
Schlafwagen sind ein Mysterium und ich habe nicht erst Angst davor, seit ich “Der unsichtbare Dritte” gesehen habe.
(Wenn ich Angst sage, meine ich Respekt, wenn ich Respekt sage, meine ich SCHISS!)
Wenn ich fremden, schlafenden Menschen zusehen muss, erinnert mich das erstens an Paranormal Activity und zweitens haben die meisten Käsefüße oder riechen wie eine 14 Tage nicht mehr erneuerte Wursttheke. Igitt!
Schlafwagen kommen für mich daher nicht in Frage.
Ich muss also die 2 Sitzwaggons anstreben, die völlig überbevölkert sind.
Meistens sind so viele Menschen drin, dass sich manche oben auf die Gepäckablage legen – und schlafen.
Auch am Klo sitzen welche, und das zeigt, wie verhärtet die Lage ist.
Zugklos sind nämlich der einzige Ort, der NOCH schlimmer ist, als es Schlafwaggons es jemals sein werden.
Ich bin der Meinung, dass dort Frankenstein erfunden wurde, denn diese Örtchen sind definitiv übel!
Da ich versiert bin, und sehr gut leichte bis mittelschwere depressive Verstimmungen vortäuschen kann, ist es mir aber mal wieder gelungen, einen Sitzplatz in einem normalen Waggon zu ergattern – und diesmal nicht oben auf der Gepäckablage.
Auf einem ECHTEN Sitzplatz, für den ich eh nur das Doppelte eines Monatslohns in Guatemala zahlen musste!
Das Fenster ist dicht, es schneit nicht durch Löcher in der Decke rein, es klebt kein Rotz dran, es hat mehr als 3 Grad Celsius im Abteil und ich muss keine an die Wände geritzten Penisvergleiche lesen, die ich im Kopf dann immer auf Realitätsbezug durchgehen muss.
Aus dem Sitz schauen keine Sprungfedern, die die Hose genau an den prekären Stellen aufreissen und es hängt kein stromführendes Kabel lose von der Decke.
Kurzum – es ist akzeptabel. Mehr als das – es ist für ÖBB Verhältnisse schlicht pompös!
Ich habe – jetzt kommt der Luxus – sogar eine Steckdose, die funktioniert!
Wer auch öfter mal Bahn fährt, weiß: Man sollte dort nur in Notfällen etwas anstecken.
Die ÖBB nimmt es mit Spannungsspitzen nicht so genau, und selbst das beste Netzteil eines Laptops kann keine 800.000 Milliarden Volt vertragen.
Das einzige Gerät, das ich mit 2 Ladegeräten besitze, ist mein ipad.
Warum ich zwei davon habe, weiß ich nicht – vielleicht mal eines mehr eingesteckt als angesteckt.
Wie auch immer – es tut nichts zur Sache und wenn es jemanden fehlen sollte, dann kann er sich ja melden.
Weil ich 2 Ladegeräte habe, mir die ÖBB also gerne eines verbraten kann, und ich extrem gelangweilt bin, nutze ich also den Stromanschluss.
(Es zudem war ein Notfall – in Abendzügen schläft man gerne ein, und wacht dann in Bratislava oder Istanbul ohne Niere oder Leber wieder auf. Nieren hab ich zwei, aber die fehlende Leber könnte stören. Die ist zu Recht da eingebaut, wo sie ist.)
Mit anderen Menschen im Abendzug unterhalten ist nämlich unmöglich!
Entweder sie schlafen, machen dabei entsetzliche Laute – als würden sie schreien wollen: “Ihr da, ihr in Bratislava, ich und meine Leber sind hier!” – und sabbern, oder sie halten dich für einen Vergewaltiger und beginnen zu zittern, wenn du über das Buch reden möchtest, das sie gerade lesen.
Natürlich gibt es viele Dinge, die man sonst OHNE Beschäftigung auf einer 1,5 Stunden langen Zugfahrt machen kann.
Ich zum Beispiel zähle gerne meine Finger, wenn ich bei einer Hand eine runde Zahl heraus bringe, weiß ich, dass etwas falsch gelaufen ist.
Ich versuche auch, viktorianische Schriftsteller nach ihrer Bedeutung zu reihen – im Geiste.
Oder: Ich gehe im Kopf zu jedem Buchstaben im Alphabet so viele Bands durch, wie mir nur einfallen.
Nun – das ist alles leider etwas unproduktiv, wenn man ohnehin müde ist.
Morgens habe ich mich selbst dazu – zwecks Gepäckminimierung – entschieden, mein Buch zuhause zu lassen.
Außerdem wurde mir mein Lieblingsbuch letztens in der Straßenbahn angepinkelt, das wollte ich nicht nochmal riskieren.
Ich kann mich also auch damit NICHT beschäftigen.
Das einzige, was ich in urinfeste Taschen unterbringen konnte, war also mein ipad. Mit 2 Ladegeräten. Das passt ja!
Wäre da nicht ein Hindernis gewesen:
Irgendein ein windiger Spaßvogel hat sich im Büro daran vergangen, und alles, was noch drauf war, war das Best Of Album von U2 – und ich hasse U2 -, eine Turmrechen App (§%”$%$%$§!!!!) und die TV App.
(Möge er dafür Daniela Katzenberger heiraten müssen!)
Als kleineres Übel erschien mir also die Tv App.
Hauptteil:
In Zügen ist das Internet immer extrem mies. Es erinnert an eine Mischung aus 56k Modem und Rauchzeichen.
Das einzige, was funktionieren wollte, war also nur ATV.
Toll.
ATV und ich sind nicht die größten Freunde, weil ATV für mich eigentlich nicht statt findet.
Man grüßt sich, wenn ich mal zappe, aber lange halte ich das nicht unbedingt aus.
An diesem Abend musste es aber sein – ihr wisst ja: 2 Nieren, NUR 1 Leber!
Nachdem ich selten Entertainment-Glück habe, lief ausgerechnet an diesem Abend die Serie “Saturday Night Fever”.
Toll.
Sollte es jemand nicht kennen:
SNF ist so eine Art Proletendoku, nur mit ernstem Hintergrund.
Der ernste Hintergrund ist, dass ich ernsthaft und aufrecht fürchte, dass da nix gescripted ist, sondern alles echt erscheint.
Künstlerisch stellt SNF einen Anspruch, der sich mir noch nicht erschlossen hat und eigentlich würde ich, bevor ich mir das ansehe, lieber eine Stunde ohne Leber auskommen.
Wenn ich mir aber so überlege, was die Leber alles so macht, möchte ich das dann noch nicht und gestehe: War nur große Klappe, ich schaue doch.
Beginnen tut die Sendung mit vier Jungs.
Man hat sie anscheinend nach den Vorlieben ALLER Mädchen auf der Welt zusammen gestellt.
Es gibt einen Großen mit merkwürdiger Frisur, der sehr oft das Wort “Zipfel” verwendet.
Es gibt einen Schönling, der kaum etwas sagt.
Es gibt einen mit transparenter Dauerwelle und Piercing.
Und dann gibt es einen, den ich kaum näher definieren kann.
Er ist so angetrunken, dass 10 m Vodka seine Persönlichkeit verdecken.
Er spielt extremes Kreuzschnapsen mit den Augen und kann gleichzeitig in 8 bis 10 verschiedene Richtungen schauen.
Ich finde die Vier anfangs trotzdem nicht so übel.
Bis sie auf irgendeinen Strand pinkeln und dabei irrsinnigen Spaß haben. Das kenne ich – von Hunden.
Die sehen ja alles, was draußen ist, als riesiges Klo an, und haben keine andere Wahl, als zu pinkeln.
Zudem ist es ja so, dass Hunde sich nicht wirklich darum scheren (müssen).
Aber 4 Jungs die da alles kontaminieren, wo andere baden wollen?
Naja. Die sollten es besser wissen.
Dann kommt ein merkwürdiges Mädchen, das angibt, in der Disco NIE zu flirten, weil sie ach so verliebt in ihren Freund ist – der, getrennt von ihr befragt, wiederum behauptet, gar nicht mit ihr liiert zu sein, weil er in die Mutter seines besten Freundes verknallt ist. Oder so. Irgendwie. Ich kann ihnen nicht wirklich folgen, mein Gehirn hat in den Schutzbetrieb geschaltet und ein kleiner, Trommel spielender Affe, begleitet alle Szenen mit Hintergrundmusik.
Jedenfalls sagt das Mädchen, sie würde andere Jungs nicht mal anschauen.
Finde ich merkwürdig, denn Mädchen, die NUR mit einem Bikini in die Disco gehen – so wie sie – die “flirten” doch immer irgendwie extrem nonverbal, wie ich als ausgebildeter und anerkannter Hobby-Psychologe weiß.
Zudem bringt sie eine Freundin mit, die erschreckend schlecht frisiert ist, und ihren Hund wohl mal mit ihren Haaren gekreuzt hat.
Das da auf ihrem Kopf ist schlimmer als das, was Rihanna in den letzten 5 Jahren so mit ihren Haaren gemacht hat. Addiert.
Naja, weiter in der Geschichte.
Was jetzt passiert, ist interessant, Freud würde sich den Bart zwirbeln!
Ich passe also gut auf – und zack!
Das nie flirtende Mädchen trifft einen Typen – UND:
Erster Hinweis. Sie greift sich sehr oft in die Haare.
Das ist ein Zeichen von anbiedernder Flirtkultur – oder, was ich nicht hoffe, sie hat Läuse.
Ich habe sie also schon nach nur wenigen Sekunden als Flirterin oder Hygienemuffel enttarnt, Sherlock Holmes und Grissom wären stolz auf mich!
Weiter geht es – sie geht mit dem Typen an die Bar, und dreht sich ihm offensiv zu.
Zweiter Hinweis!
Entweder sie flirtet, indem sie ihm ihre Schokoladen-Marzipanteile zeigt, oder der Rest der 355 Grad, die sie anschauen kann, ist extrem unansehnlich.
Ich habe zwar noch nicht viel gesehen, aber ich merke schon den Verschleiß.
Ich bin vom Kopf her müde – als hätte mein Gehirn Beine, und würde unheimlich gerne weglaufen wollen, es dreht sich aber nur im Hamsterrad und kommt kaum vom Fleck.
Ich schaue auf mein Spiegelbild im unberotzten Fenster und merke, dass ich mehr und mehr verfalle – ein Schein von unheimlichem Desinteresse macht sich breit, die Wangen werden hohl und ich habe Angstschweiß-Ausbrüche.
Vermutlich sieht man aber ohne Leber noch schlimmer aus. Also weiter.
Der nette Mann mit dem Verkaufswagen kommt vorbei – und bietet mir BILLIGES Red Bull an.
Ich bezahle ihm 850€ und kriege dafür eine Dose, die temperaturmäßig eher Tee ist.
Ein Schnäppchen ist das nicht gerade, aber meine Leber wird es mir danken, wenn es mich wach hält!
Jetzt kommt nach einem Schnitt die dritte Story – ein Mädchen in einer Tanzschule.
Obwohl ich nicht oberflächlich bin und mir keine Vorurteile erlaube, kann ich nach 1,23 Sekunden sagen:
GOTT, ich HASSE SIE!
Sie erzählt superschlaue Sachen, die bestimmt in IHRER Welt zutreffen.
In meiner nicht. Und auch in keiner, die ich kenne. Nicht mal bei Parker Lewis!
Sie benutzt merkwürdige Artikelformen – “den Schnitte” oder “das ure Glück” zum Beispiel.
Sie erzählt, was Jungs heiß macht – und ich möchte ergänzen:
Persönlichkeit, und zwar bescheidene, würde ihr nicht schaden.
Sie verabredet sich mit irgend jemanden und dann sieht man sie in einem Club, wo sie Prosecco trinkt – ein Mädchen, das ich psychologisch auf 4 oder 5 Jahre schätze!
Schnitt. Werbung für Pickelcreme.
Dann wieder die 3 Jungs – und Mr Vodka.
Mittlerweile haben sie ihre Trinkflasche benannt (irgendein russischer Name, ich habe ihn vergessen) und haben einen ihrer Clique verloren, den sie jetzt am Strand – im Sonnenschirm und unter Steinen vermuten, dort sucht man ja auch zuerst.
Logisch, oder?
Und dann wieder die nervende, persönlichkeitslose 4-5 Jährige, die diesmal erklärt, wie man richtig flirtet:
Man müsse den Männern zeigen, dass die “Weiber” das Sagen haben.
Ok. So ist das also.
Die Welt erklärt von einer, die sie selber nur in sehr kleinem Rahmen völlig falsch zu verstehen scheint.
Ich halte es nicht mehr aus. Ich kann nicht mehr.
In meiner Not schalte ich das ipad aus, reisse einen Zettel aus meinem Notizbuch, klebe 50 € drauf und schreibe, bevor ich ihn ans Fenster klebe:
“Werte Organmafia! Ich bitte sie, mir meine Leber zu lassen – sehen sie diesen Betrag als Anzahlung, als nette Geste, oder eben als Jausengeld an, aber bitte bitte bitte zwingen sie mich nicht mehr, SNF sehen zu müssen. Danke!”
Dann schlafe ich ein, und mir ist egal, wo ich aufwache – weil ich weiß:
Es geht IMMER SCHLIMMER!
Epilog:
Mein Weg hat mich schließlich doch noch gut heimgebracht.
Ich bin nicht eingeschlafen und auch nicht in Istanbul oder in einer slowakischen Metzgerei aufgewacht.
Und: Ich habe mir Plastikschutzhüllen für Lieblingsbücher gekauft.
Und: Ich habe mein ipad mit Passwort geschützt:
Wer mich kennt, der weiß:
Ich habe die Meinung, dass jeder das schauen oder tun sollte, was er will.
Man kann von mir also weder eine Empfehlung noch eine Ablehnung zu dieser Sendung erwarten.
Ich weiß nur:
Ich für mich habe nach diesem Abend entschieden, dass ich NIE WIEDER SNF schauen will!
Im echten Leben kommen mir schon genug merkwürdige Leute unter.
Wahrscheinlich bin ich sogar selber einer davon!
Das brauche ich also nicht auch noch im TV.


