Kolumne

Wort zum Sonntag – Adventansprache: Eine unschoene Sache

Die Menschheit gibt es schon lange. Zumindest schon so lange, seit ich denken kann – Forscher vermuten aber, dass es sie sogar noch länger gibt.
Irgendwas so zwischen 1,8 und 2,2 Millionen Jahren um den Dreh herum.
(Wobei es natürlich auch davon abhängt, welche Entwicklungsform man meint.)
So genau weiß man das nicht.
Ist auch egal – weil eines weiß man sicher:
In gewissen Dingen haben wir dazu gelernt.

Wir wissen zum Beispiel, dass man bei Regen und starkem Gewitter nicht unter Bäumen Ast-Limbo tanzen sollte.
Uns ist mittlerweile auch klar, dass man Pommes deutlich den rohen Kartoffelknollen vorziehen sollte.
(Außer die in der Juniortüte.)
In manchen Dingen sind wir aber nicht wirklich besser geworden. Im Gegenteil.
Da hat uns die Evolution so glatt geschliffen, dass selbst der beste Winterstreudienst nicht mehr helfen würde.

Früher war der Mensch ein Rudeltier. Nur in Gruppen haben wir uns richtig wohl gefühlt.
Diese Gruppen waren wichtig für unser Überleben – so einen Grizzlybären besiegt man zu zehnt einfach leichter, gleiches gilt für den Schwarzen Ritter.
Wir haben zusammengehalten, weil wir zusammenhalten wollten.
Irgendwann ging uns das aber verloren und vom organisierten Menschheitsgeflecht wurden wir zum Einzelgänger Marke Einlaufmodel.

Heute stehen wir als Egoisten da. Alles muss sich um uns drehen. Wer das bestreitet, der lügt.
Egoismus ist, leider, auch oft ein Instinkt, den wir nur schwer umgehen könnten, selbst wenn wir wollen würden.
Wenn wir unsere Wahrnehmung ehrlich betrachten, dann ist das Leben ein gigantischer Spiegel, in dem nur die eigenen Umrisse wirklich immer scharf sind.
Der Rest ist verschwommen.
Das wird einem besonders jetzt in der Adventzeit bewusst.

So ganz alleine durchs Leben zu gehen, andere Menschen zu meiden und nach Einzelgruppen-Spartarifen zu fragen, hat zwei wirklich große Nachteile mit sich gebracht:

  • Unsere Egozentrik.

    Wir nehmen uns alle viel zu ernst und zu wichtig!
    Die Welt dreht sich nicht um uns.
    Es gibt wichtigeres.
    Das klingt hart, so ist es aber.
    Manchmal würden wir uns bedeutend leichter tun, wenn wir daran denken würden, dass es nicht immer um uns gehen muss.
    Dass unser Anliegen vielleicht im ersten Augenblick wichtig erscheint, es aber Menschen in unserem Umfeld gibt, die JETZT wichtiger sind.
    Das sollte uns helfen, anderen zu helfen. Gelassener zu sein.
    Es soll – hab ich aber nur gehört – tatsächlich viel größere Probleme geben, als die vielen “Kleine Mädchen mit Zöpfen”-Heulattacken, die wir manchmal haben.

  • “Das Leben ist fair”- Lüge.

    Auch eine Stolperfalle unserer neuronalen Windungen ist es, zu glauben, dass das Leben IMMER gerecht sei.
    Nennen wir es Zweckoptimismus.
    Weil wir nicht mehr so zusammenhalten, müssen wir hoffen.
    Hoffen, dass uns Dinge zufallen.
    Und das wirklich Bemerkenswerte ist: In unseren Breitengraden ist das sogar oft so!
    In anderen nicht. Im Gegenteil.
    So viel zum Thema, das sei gerecht.
    Selbst wenn man – wie ich es als Christ es ja in einer gewissen Form tue – an einen Gott glaubt, so hat er sicher besseres zu tun, als Glück und Pech auf einer Waagschale abzuwiegen und zu sagen:
    “Mhh … Der ist heute ausgerutscht und hat sich das Bein gebrochen, dafür kriegt er jetzt Katy Perrys Telefonnummer.”
    So läuft das nicht, sonst hätte selbst ich verwöhnter Pinkel bereits 5 mal ihre Nummer gekriegt.
    Und so ist das Leben auch nicht fair.
    Während es dem einen (glücklichen) Menschen auf die Schuhe spuckt, um sie zu putzen, spuckt es dem anderen (unglücklichen) Menschen ins Gesicht.

  • Jetzt wird man sich denken: “Und, was hat das mit dem Advent zu tun?”

    Nun ja. Vieles!

    Ich denke, dass der Advent genau die Zeit ist, in der man sich diese beiden Punkte wieder mehr ins Gedächtnis rufen sollte.
    In der man daran denken sollte, dass es Menschen gibt, deren Leben vielleicht nicht so gerecht ist und die wichtigere Probleme haben.
    Wenn man es schon das restliche Jahr nicht schafft, dann zumindest dieses eine Monat.
    Egal welcher Religion man angehört, welche Einstellung man hat, oder wer man ist.
    Jetzt ist die Zeit wo man an andere Menschen denken sollte.
    An die, die unsere Hilfe brauchen, denen das Leben nicht gerade Glückspakete in den Schoss geworfen hat.
    Die, die – bildlich gesagt – alleine gegen den Grizzly kämpfen müssen.

    Dabei muss es nicht immer um Geld gehen.

    Es kann auch mal nur angebotene Hilfe, ein ehrliches Gespräch sein.
    Man kann auch mit aufrichtigem Zuhören, wahrhaftigem Interesse oder einem kleinen Lächeln viel bewirken.
    Das alles sind Dinge, die uns nicht mal einen Cent kosten.
    Sie sind gratis, gehen nicht aus, man braucht nichts dafür, nur ein bisschen Verständnis und Einsicht.
    Und ich finde es schadet niemanden, ein bisschen davon zu zeigen.

    Danke für die Aufmerksamkeit. Jetzt gehe ich Kinderpunsch trinken.