Kolumne

Wort zum Sonntag – Woche 47-2010: Das große Konsumdesaster

Ich und der einmal pro Woche nötige Einkauf, wir sind nicht gerade Freunde.
An und für sich kein Problem – so oft ist 1 x in der Woche ja nicht.
Wäre da nicht eine Eigenschaft, die mir dieses 1 x in der Woche erheblich erschwert:
Ich habe immer Angst vor unerwartetem Besuch!
Wenn es klingelt, und jemand kommt mich besuchen, dann soll er es schön haben.
Und mit schön meine ich: Dann soll alles da sein, was er möchte!
Es gibt da einige Dinge, die da nicht problematisch sind, bei denen man ja flexibel ist!
Wenn zum Beispiel der Wein aus ist, steigt man auf andere Getränke um.
Wenn zum Beispiel die Erdnüsse aus sind, werden einfach Chips geknabbert.
ABER … und jetzt kommt es:
Stellt Euch mal vor, es klingelt, und die schwedische Nationalmannschaft der Damen kommt mich SPONTAN besuchen, alle müssen auf’s Klo und ich habe nicht genug Klopapier da.
Wein kann ersetzt werden, Erdnüsse auch, aber es gibt absolut KEINEN öffentlich anerkannten Ersatz für Klopapier.
Die Stimmung wäre kaputt, unwiederbringlich, nicht mal meine goldenen Schallplatten oder meine hervorragend fundierten und unterhaltsamen Zahnarztgeschichten würden das jemals wieder rausreißen!

Ich weiß, so zu denken ist eine pure Form von Problembeschaffungsmaßnahme, aber solche Überlegungen treiben mich dann doch immer wieder zu den nahe gelegenen Einkaufstempeln in der Umgebung.
Die und der traurige Blick meiner Katze, die ihre Zuneigung auch an meinem materiellen Besitz abhängig zu machen scheint.
(Katzen können das genau so gut wie Frauen, finde ich zumindest.)

Eine Blutsfehde.
Mal vorweg – ich habe eigentlich nicht wirklich ein Problem mit dem klassischen Einkauf von Lebensmitteln.
Als Wirtschafter weiß ich, dass es ok ist, Geld für Waren einzutauschen.
Viel mehr stört mich so manch nervenaufreibende Begleiterscheinung.

Diese beginnen schon beim Parkplatzsuchen, denn an so einen Parkplatz sind ja viele Anforderungen gestellt.
Er sollte so liegen, dass der Wagen – während der Zeit des Einkaufs – vor Naturkatastrophen sicher ist.
Er sollte so liegen, dass der Wagen – passiert bei der Größe mancher Parkplätze – so steht, dass ich keinen Pass brauche, um ihn abzuholen.
Ich muss ihn nach dem Einkauf auch wieder finden können.
Wenn ich nämlich einkaufe, regnet es immer oder es schneit. Oder schlimmer. Immer.
Bei diesen Witterungsbedingungen hat man dann selbst als erprobter Österreicher keine Lust, stundenlang den Wagen zu suchen.

Wenn man dann mal das Auto passend abgestellt hat, steht man vor dem nächsten Problem:
Welchen Einkaufswagen nimmt man?
Wer die Wahl hat, hat die Qual – und zwar:
Es gibt einen Einkaufswagen, der randvoll mit Kassabons ist.
Wenn ich kleine Dinge kaufe, und die brauche ich, schließlich könnten ja die Schwedinnen kommen, finde ich die nie wieder unter dem Gewirr.

Der zweite Wagen ist voll mit etwas, dass sich bereits in seine biologischen Bestandteile zersetzt.
Entweder jemand hat seinen Bio-Kompost von zuhause mitgebracht und ihn im Wagen gelassen, oder ein ganzes Salatfeld bezahlt und dann dort vergessen.

Im dritten Wagen hat jemand ein kleines Kind vergessen. Kleine Kinder nehmen nicht viel Platz weg, der Wagen ginge also, allerdings ist es recht problematisch, wenn man mit kleinen Kindern erwischt wird, die heulen, und deren Herkunft man nicht lückenlos erklären kann.

Ich entscheide mich also, mangels an Alternativen, für den vierten Einkaufswagen.
(Welcher sich dann – natürlich – als technisches Desaster erweisen wird. Er quietscht, hat nur mehr 3 Räder, rostet und in der Armlehne stecken rostige Nägel.)

Andere Menschen behindern meinen Einkaufsstil!
Drinnen dann begegne ich mehreren Problemen gleichzeitig, die mich geistig, körperlich und fluchtechnisch fordern:
1. Ich habe meinen Einkaufszettel vergessen.
Ich vergesse nie etwas, aber jetzt habe ich keine Ahnung mehr, was ich für die Schwedinnen alles kaufen wollte. Und für mich.
2. Immer, in wirklich jedem Gang, gibt es Menschen, die genau in der Mitte gehen (damit links und rechts das Vorbeikommen verhindern) und furchtbar langsam sind.
Ich weiß nicht, ob es physikalisch möglich ist, – km/h zu gehen, aber die schaffen das irgendwie.
Das einzige, was mich noch mehr behindern würde wäre, wenn sie sich alle nackt ausziehen würden, aufeinander legen, und damit eine nackte Mauer bis zur Decke formieren.
3. Es gibt viel zu viel Auswahl. Wenn ich Müsli kaufen will, ausnahmsweise mal was für mich, dann habe ich die Wahl zwischen Hunderten von Müslipackungen, bei denen ich auf so vieles achten muss.
Ablaufdatum, Beschädigung der Packung, Was ist drin, Woher kommt es, Wie viel ist drin, Hilft es auch gegen einen Blähbauch, Sind Fremdkörper wie Nägel oder abgetrennte Finger drin zu sehen, Hat es auch Rosinen dabei …
Und damit habe ich erst EINE Packung EINER Marke durch!

Ein weiteres Problem ist die – wie ich sie nenne – “Einkaufskosmetikherausforderung”.
Es gibt Dinge, die müssen gekauft werden, und für die schämt man sich als erwachsener Mann.
Fruchtzwerge zum Beispiel – die sind zwar was für Kinder, aber furchtbar passend portioniert und unheimlich fruchtig!
Oder: Alkoholfreies Bier!
Das ist zwar auch nur eine Erfindung von Marketing-Fritzen wie ich es einer bin, aber was, wenn Besuch kommt – was trinken die in Schweden? – der genau das haben will?
Oder Kondome! Die zeigt man auch nicht unbedingt gerne her!
Man muss zuerst also mal etwas richtig Großes kaufen – egal ob man es braucht oder nicht – unter dem man diese Dinge bis zur Kasse verstecken kann!
Dafür eignen sich hervorragend Tausenderpackungen von Küchenrollen.
Oder Adventkalender. Blöd nur, dass es die nicht das ganze Jahr über gibt.
Bevor man es dann versteckt, sollte man achten, dass die Verpackung korrekt zu ist und der Preis drauf steht.
Das gibt sonst sehr “unangenehme” Nachfragen und Diskussionen beim Bezahlen.

Wenn ich dann mal alles habe und alles einkaufskosmetifiziert ist, was ich ja nicht weiß, weil mein Einkaufszettel zuhause liegt, gehe ich den Weg der Gerechten:
Zur Kasse.
Allerdings gibt es da ein Problem. Die Schlange.
Ich werde deswegen nie verstehen, wie sich eine Lüge ala “Ich geh mal SCHNELL einkaufen!” gesellschaftlich so durchsetzen konnte.
Also anstellen.
Ich befinde mich soweit hinten an der Schlange, dass ich hoffen muss, mich noch auf EU Gebiet zu befinden und nicht irgendwo, wo ich wegen Staatsspionage ins Gefängnis muss.
Im Prinzip hilft es ja nichts – vordrängeln ist unhöflich, ich bin höflich, ich bleibe also da, wo ich bin. Ganz hinten.
Muss ich ja, schließlich bin ich kein Arzt und darf nicht vor.
Apropos Arzt … in der Neben”schlange” steht mein Urologe, der mich herzlich grüßt und mir sein Leid klagt.
Er habe immer weniger zu tun – es seien “HARTE” Zeiten, die Menschen würden selbst bei Arztbesuchen sparen und manchmal mit dem “KLEINEN” Übel leben.
Ich versichere ihm, dass ich meine Gesundheit “GANZ” in seine Hände lege und nicht warte, bis es “BRENNT”.
Immer wieder ein Brüller, so ein zweideutiger Talk – aber auch immer wieder sehr kurz.
Er darf ja vor, schließlich ist er Arzt.
Ich nicht. Ich muss warten.

Bis zum Himalya – oder doch nur auf den K2?
Es geht schleppend voran.
Manchmal fahre ich im Schrittempo an gegen Einkaufswägen gelehnte Skelette vorbei.
Ganz verstehe ich das nicht, in einem Supermarkt muss man ja schließlich weder verhungern noch verdursten.
Aber da gibt es ja noch etwas, das sich “zu Tode langweilen” nennt.
Damit mir das nicht passiert, versuche ich mir kreative Dinge auszudenken, die man in Einkaufswägen einbauen könnte, damit Männer sich nicht langweilen.
Einen Playboykalender zum Beispiel.
Oder Tischfussball.
Oder beides!

Irgendwann komme ich dann ganz vorne an, bei der Kasse. Das ist so, als hätte man den K2 und gleichzeitig den höchsten Marskrater bezwungen. Barfuß!

Weil immer bei mir – oder korrekter: VOR MIR – die Rechnungsrolle aus ist, habe ich für jeden Rechnungskassentyp eine passende Reserverolle bei mir, die ich der Kassiererin zuwerfe und dabei schickssalsschwer mit Bruce Willis Stimme sage: “Für dich, Baby!”
(Das Baby lasse ich nur weg, wenn sie augenscheinlich über 50 ist. Zu älteren Damen sollte man nicht Baby sagen.)
Wenn ich jetzt noch “Glück” habe, ist entweder die Bankomatkasse kaputt wenn ich mit Karte zahlen will, oder wahlweise keine Barzahlung möglich, wenn ich bar zahlen möchte. Das passiert relativ oft, quasi immer, leider.
Deswegen habe ich von meinen Einkäufen einen Jahresmittelwert berechnet, 20% dazu geschlagen, in Gold umgetauscht, und dieses Gold in meiner rechten Schuhsohle versteckt. Somit kann ich auch dieses Problem meistern. Außer die nehmen kein Gold. Hm …

Aber dann, dann habe ich es doch irgendwie geschafft und trage den Einkaufswagen zu meinem vor Katastrophen geschützten Auto (ich muss ihn tragen, mittlerweile hat er nur mehr ein Rad) und ich habe ein Gefühl der Erleichterung in mir.
Nur noch alles in den Kofferraum – die Tüte reisst natürlich, Tausend Küchenrollen sind zu viel – aber das macht dann alles nichts mehr.
Schließlich habe ich das schlimmste hinter mir, ich kann durchatmen und fühle mich wie Vettel:
Einkaufsweltmeister der Herzen, der K2 und Marskrater bestiegen hat, und auch danach mit keinem kleinen Übel ein Problem haben wird!

Und die Schwedinnen können jetzt auch spontan kommen.
Ich habe jetzt genug alkoholfreies Bier, Klopapier und Fruchtzwerge. Und Adventskalender.